Wo fängt dein Himmel an?

Eine Predigt mit Hebräer 4,14-16

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus Christus, den Sohn Gottes,
der die Himmel durchschritten hat,

„Wo fängt dein Himmel an?“
fragt der Sänger und Songwriter
Philipp Poisel.

„Vom Himmel habe ich keine Vision.
Ich bin neugierig“,
sagt Erhard Eppler in einem Interview.

Eppler ist inzwischen 89 Jahre alt.
Poisel 32. Beide sind Schwaben.
Der ältere war Lehrer
für Englisch, Deutsch und Geschichte
bevor er in den Bundestag gewählt wurde.

Der jüngere wollte Lehrer werden
für Englisch, Kunst und Musik,
scheiterte an der Aufnahmeprüfung
im Fach Musik
und wurde dann einfach Musiker.

Erhard Eppler sagt
der Himmel auf Erden ist nicht möglich.
Er denkt an einen ewigen Himmel.
Er hat von ihm keine Vision.
Niemand von uns kann sich
davon wirklich ein Bild machen
hier im Diesseits.
Er denkt an einen Ort jenseits dieser Zeit.
Er hofft auf ihn und ist neugierig.

Philipp Poisel fragt
nach dem Anfang deines Himmels
und denkt an Himmlisches hier auf Erden,
das da ist und doch so fern,
von dem wir ein Bild haben können.
Er singt mit dem Blick zum Himmel
hier im Diesseits
in unglücklich verliebten Gedanken
an seinen Engel.
„Du fehlst mir.“

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus Christus, den Sohn Gottes,
der die Himmel durchschritten hat,

Durchschritten.
Durchdrungen, was wir nie ganz durchdringen werden.
Ganz bei Gott angekommen.
Zuerst: hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Dann: am dritten Tage auferstanden von den Toten.
Und: aufgefahren in den Himmel
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Jesus Christus verbunden mit Gott
verbindet er uns mit ihm.
Also lasst uns bei im bleiben.
Er hat die Himmel durchschritten
und bleibt zugleich bei uns.
Er vergisst da oben nicht,
was er hier alles erlebt hat
und miterleben musste.
Kinder wie Wertgegenstände
oder wertlose Gegenstände
je nach dem
Frauen öffentlich gesteinigt.
Männern den Kopf abgeschlagen.
Er selbst verraten und verkauft
von einem Freund.
Gekreuzigt, gestorben und begraben.
Bevor er die Himmel durchschritten hat,
wusste er selbst nicht, ob er das aushalten würde.
Und das vergisst er nicht.
Er war der Versuchung ausgesetzt wie wir.
Auch der Versuchung jede Hoffnung aufzugeben,
seinen Gott loszulassen
und sich vom Dach des Tempels
zu stürzen.
Und der Versuchung ins andere Extrem zu verfallen
Nur an sich selbst zu denken,
alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit,
so viel Macht wie nur möglich
an sich zu reißen.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit,
sondern der versucht worden ist in allem wie wir,
doch ohne Sünde.

Und obwohl er das geschafft hat,
schaut er doch nicht auf uns herab.
Er sitzt auf einem Thron
und spricht trotzdem mit uns auf Augenhöhe.
Denn er weiß wie sich das anfühlt,
wenn der Geist zwar willig,
das Fleisch aber schwach ist.
Er war da.
Er war selbst an dem Punkt
wahrscheinlich öfter als du denkst.
(Mt 26,36-38) Da kam Jesus mit ihnen
zu einem Garten, der hieß Gethsemane,
und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier,
solange ich dorthin gehe und bete.
Und er (…) fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen:
Meine Seele ist betrübt bis an den Tod;
bleibt hier und wacht mit mir!

Wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit,

Auch ein Hoherpriester ist ein schwacher Mensch.
Und wenn er einmal im Jahr
das Allerheiligste betritt,
dann im vollen Bewusstsein seiner Schwachheit.
Der Hohepriester am Tempel in Jerusalem
musste aufwändige Reinigungsrituale vollziehen,
bevor er den Vorhang durchschreiten durften,
den Stoff der die Trennung symbolisierte
zwischen menschlichen und göttlichen Sphären.
(Mt 27,50-51) Jesus schrie abermals laut und verschied.
Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss
in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

Der Evangelist Matthäus greift dieses Bild auf
und erzählt davon wie der Vorhang im Tempel
zerreißt, als Jesus stirbt.
Er hat den Himmel durchschritten
und er fühlt mit uns.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht
zu dem Thron der Gnade,
damit wir Barmherzigkeit empfangen
und Gnade finden
zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Passionszeit 2016
Wir sind der Versuchung ausgesetzt,
manchmal gewinnt sie
und manchmal gewinnen wir.
Der Versuchung in Extreme zu verfallen.
Entweder aufzugeben oder alles an uns zu reißen.
Jesus hat für uns einen Sieg errungen
und teilt den Gewinn mit uns.

Denn weil Jesus das kennt,
weil er widerstanden hat,
steht der Himmel offen
auch für uns, die wir immer wieder fallen.
In Versuchung fallen.
Versagen
Fehler machen
schuldig werden
den einzelnen Auswirkungen der Sünde
nie ganz entkommen
auf Kosten anderer leben
uns selbst verletzen.

Im Großen und Ganzen
müssen wir uns unsere Schwachheit eingestehen.
Aber das wunderbare ist,
dass das im Großen und Ganzen
kein Problem ist.
Es ist nicht das Problem,
dass wir unperfekt sind
und deshalb müssen wir auch nicht
erst vollkommen werden,
um vom Himmel träumen zu dürfen.
Um uns Gott zu nahen.
Jesus hat für uns einen Sieg errungen.
Er teilt seinen Gewinn mit uns.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht
zu dem Thron der Gnade,
damit wir Barmherzigkeit empfangen
und Gnade finden
zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Und wenn ich vom Himmel träume,
dann denke ich schon an Himmlisches auf Erden.
Mit Erhard Eppler, dem Politiker, bin ich einig,
dass ein Himmel auf Erden nicht möglich ist.
Die wachsenden Herausforderungen unserer Tage
machen mir das einmal mehr klar.
Der Russische Ministerpräsident spricht
von einem neuen Kalten Krieg.
Europa findet immer noch nicht zu gemeinsamen Lösungen.
Und einige, die sich für besonders Deutsch halten,
wollen auf unbewaffnete Menschen schießen,
um unsere Grenzen zu sichern.
Der Himmel auf Erden ist zwar nicht möglich.
Aber Jesus hat diese Erde mitgemacht
und die Himmel durchschritten.
Und deshalb hoffe ich trotz allem,
dass der Himmel die Erde berührt.
Dass etwas sichtbar wird schon hier.

Jesus selbst ist einen schweren Weg gegangen.
Fast unvorstellbar schwer ist sein Leidensweg.
Nur wenige können wirklich mit ihm fühlen.
Aber er fühlt mit denen,
die ihm nicht folgen können.
Die immer wieder vom Weg abzukommen.
Er ist offen für sie.
Wie ein Hoherpriester kennt er die
Herausforderung des Weges.
Er hat uns den Weg gebahnt
und sitzt wie ein König auf dem Thron.
Seinem Thron der Gnade.
Jesus ging durch den Tod ins Leben.
Und der Auferstandene wird nicht mehr
von irgendeinem Teufel versucht.
Der traut sich nicht mehr an ihn heran.
Ach, selbst wenn er sich trauen würde,
er hätte doch keine Chance.
Und die Kraft seiner Auferstehung ist
schon sichtbar hier und da.

„Wo fängt dein Himmel an
und wo hört er auf?
Wenn er weit genug reicht,
macht dann das Meer zwischen uns
nichts mehr aus?“
Sehnsüchtig
Vorsichtig
still diplomatisch
leise, aber mit einer starken Hoffnung gefragt.

Ja, es liegt ein Meer zwischen uns.
Doch es macht nichts mehr aus.
Der Himmel steht offen.
Er fängt bei uns an
und hört bei Gott auf.
Er war auf der anderen Seite.
Aber Jesus hat die Himmel durchschritten
für mich
für dich
für immer.
Amen.

 

Interview mit Erhard Eppler in Christ & Welt

Philipp Poisel „Wo fängt dein Himmel an?“ bei tv noir

Schriftlesung im Gottesdienst: Jesu Versuchung (Matthäus 4,1-11)

2 Gedanken zu „Wo fängt dein Himmel an?“

    1. Danke. Du hast es geschafft, den ersten Kommentar hier zu schreiben.
      Kathrin Oxen hat mir übrigens geholfen. Wie bei jeder Predigt gibt es viele, die bewusst oder unbewusst mitgewirkt haben.

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