Wie die neugeborenen Kinder

Eine Predigt zu 1. Petrusbrief 1,3-9

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit
eine Tochter geschenkt hat.
Am Ostermontagmorgen haben wir das Wunder des Lebens
ein zweites Mal bestaunen dürfen.

Eben noch todmüde und plötzlich wieder hellwach.
Sie hat den Raum mit Leben erfüllt.
Zart und unwiderstehlich.
Staunenswert, schmerzlich und stark.
Lebendige Hoffnung.

Ich habe mir vor Jahren schon vorgenommen,
kein Pfarrer zu werden, der in seinen Predigten
ständig von seinen Kindern erzählt.
Aber heute an diesem Sonntag, kann ich nicht anders.
Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder.
Selten hat mir ein althergebrachter, lateinischer Sonntagsname
so viel bedeutet wie dieser.
Ich werde wohl nie wieder überlegen müssen,
wie der Sonntag nach Ostern traditionell heißt.

Dieser Tag wird auch der „weiße Sonntag“ genannt,
wegen der weißen Taufkleider, die sein Aussehen lange geprägt haben.
Es war ein guter Brauch, dass der Ostersonntag
als großes Tauffest gefeiert wurde.
Die Getauften trugen eben weiße Gewänder.
An jedem Tag der Woche nach Ostern wurden Gottesdienste gefeiert
und am achten Tag trugen sie ihre weißen Kleider noch ein letztes Mal.
Weiß waren auch die Kittel der Hebammen, Pfleger und Ärztinnen.
Zum Osterfest in diesem Jahr habe ich
mehr Zeit im Krankenhaus als in der Kirche verbracht.
Quasimodogeniti ist „mein“ Sonntag dieses Jahr.
Der Sonntag nach langem Warten,
nach dem Bangen, ob es wohl gut gehen wird.
Der Sonntag der Dankbarkeit, dass es gut ging.
Der Sonntag der lebendigen Hoffnung.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit
wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung
durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
zu einem unvergänglichen und unbefleckten
und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit,
die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.

So stark die Lebenskraft ist,
die ich an unserer Tochter erlebe, …
ich weiß auch wie jeder, der ein Neugeborenes im Arm halten darf,
dass was ich in Händen halte „vergänglich, befleckt und verwelklich“ ist.
Heute kostet eine Geburt – Gott sei Dank – nur noch selten
ein Menschenleben.
Das war anders über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg.
Aber auch heute noch führt schon der Kraftakt einer Geburt mir vor Augen
wie zerbrechlich ein Leben auf Erden ist.
Risiken für Mutter und Kind sind nach wie vor da.

Jesus ist geboren wie du und ich.
Maria hat ihn zur Welt gebracht, ihn gestillt, ihn groß gezogen,
sich Sorgen um ihn gemacht, wenn er krank war;
sich Sorgen um ihn gemacht, wenn er zwar gesund war
und doch so riskant gelebt hat.
Er hat seiner Mutter Kopfzerbrechen gemacht
und sie hat wohl mit ihm gelitten wie kein anderer Mensch,
um ihn geweint und getrauert wie nur eine Mutter trauern kann.

Sein Vater hat sie getröstet.
Sein Vater im Himmel hat ihn am dritten Tag auferweckt von den Toten.
So wurde es für den Glauben sichtbar: unvergängliche Leben
wie ein Erbe wird es aufbewahrt im Himmel für uns.
Lebendige Hoffnung.
Sie stirbt nicht zuletzt.
Sie stirbt nie.

Jesus Christus habt ihr nicht gesehen
und habt ihn doch lieb;
und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht;

ihr werdet euch aber freuen
mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt,
nämlich der Seelen Seligkeit.

Das Ziel liegt hinter dem Horizont.
Wir können nur sehen, was vergänglich ist.
Wir können Anfang und Ende eines Lebens hier auf Erden sehen.
Haben viel Forschung betrieben, um es besser zu verstehen,
können es schützen und erhalten,
ganz am Anfang schon während einer Schwangerschaft,
wenn die eigene Kraft noch nicht ausreicht zum Überleben;
und selbst noch im hohen Alter, wenn die Kräfte längst wieder schwinden.
So weit können wir sehen.

Wir können glauben, dass das Ziel hinter dem Horizont liegt,
dass der Schöpfer des Lebens uns dort erwartet.
Welche herrliche Freude da sein wird,
sie ist hier für uns unaussprechlich.
Was ist dein Wort für etwas, das so unaussprechlich schön ist?
„WOW, Wahnsinn, wie geil“
Fängst du vielleicht auch an, die Worte zu singen
oder ganz ohne Worte zu summen?
Unaussprechliche Freude wartet.

Heute schon sind wir wiedergeboren,
auf’s Neue geboren zu der Hoffnung,
dass uns jemand erwartet am Ziel unseres Lebens.
Aber ich will nicht nur dabei bleiben,
von einem fernen, noch nicht sichtbaren Ziel zu schwärmen.
Ostern ist unfassbar lebendig.
Zieht ins Leben hinein. In diese Welt.
In die große weite Welt. Und hinein ins eigene Leben.
Das gelebt werden will. Von keinem anderen als mir.
Als dir.

Ostern zu feiern,
sich mit Ritualen und Texten
in dieses Fest hineinzubegeben ist das eine.
Das eine, das wichtig, gut und wertvoll ist.
Ostern zu leben, ist das andere.
Das andere, was wichtig, gut und genauso wertvoll ist.
Lebendige Hoffnung beginnt mit Ostern
und hört nie mehr auf.
Wir leben von Neuem,
voll Erwartung, weil jemand uns erwartet,
voll Bangen, weil Leben riskant ist,
voll Hoffnung, weil Gott uns wiedergeboren hat
mitten ins Leben hinein.
Wir leben von Neuem,
voll Dankbarkeit für das, was war;
voll Vorfreude auf das, was kommt.
So viel haben wir noch vor uns.
Wir leben mit einer lebendigen Hoffnung,
die Lebensenergie erzeugt.
Aus der Auferstehungshoffnung entsteht auch ein Gefühl,
das mir sagt: „Es gibt noch viel zu tun.“
Lasst uns die Welt mit Hoffnung erfüllen,
mit lebendiger, tatkräftiger Hoffnung.

Also herzlich Willkommen am Ende der Fest- und Ferientage
und am Beginn von allem, was mit Ostern anfängt!

Amen.

p.s.: Für Neugeborene lassen wir übrigens die Glocken läuten und das geht so.

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