Suche Frieden

Silvesterpredigt mit Psalm 34,15 «Suche Frieden und jage ihm nach!


Diese Jahreslosung ist ein Motto für 2019, das mich anspricht,

das mich anspornt, mit auf die Jagd zu gehen.

Aber wie geht das?

Und was ist das eigentlich?

Was jage ich denn genau, wenn ich Frieden will?

Er ist doch offensichtlich kein kuscheliges Tierchen,

das man irgendwo aufsammeln kann,

um es mit nach Hause zu nehmen

und im Wohnzimmer in einen Käfig zu setzen.

Und dann hänge ich dem kleinen Fridolin jeden Tag

einen frischen Hirsekolben hin und dann geht’s ihm gut.

Der große Frieden ist immer auf der Flucht,

wie ein Vogel, der beim Rascheln der Blätter

abhebt und schnell wieder außer Sichtweite ist.

Dann muss ich warten,

mich an ihn herantasten und ich ahne, er lässt sich nicht einfangen.

Mit meinen bescheidenen Mitteln kann ich ihn nicht festhalten.

Aber, wenn ich Glück habe, kann ich ihn beobachten

Das wäre schon Jagdglück zu nennen,

wenn ich den Frieden sehen darf.

Mich zieht es auf die Jagd nach diesem seltenen Vogel.

Und damit sie das einordnen können,

muss ich vielleicht was Persönliches sagen.

Ich bin wirklich ein Jäger von der friedlichen Sorte.

Ich gehöre zu den Menschen,

die einen zufriedenen Eindruck machen.

Ich wirke auf die meisten Menschen recht friedlich.

Aus Erfahrung weiß ich aber,

dass es in mir nicht immer so ist wie es wirkt.

Ich habe vor allem auch gelernt, dass es eine Zufriedenheit gibt,

die mehr Schein als Sein ist.

Es soll ja Menschen geben, die friedlich und genügsam wirken,

dabei hängen sie in den Seilen ihrer eigenen Genügsamkeit.

Sie neigen dazu harmlos zu bleiben,

und obwohl man ihnen gerne alles Mögliche anvertrauen möchte,

ahnt man doch, sie werden zu langsam sein, um etwas zu bewegen.

Und weil ich das weiß,

mag ich diese Dynamik von Suchen und Jagen nach Frieden.

Ich glaube, ich bin gerade an einem Punkt in meinem Leben,

an dem ich nicht von Frieden reden kann,

ohne auch dagegen zu reden.

Silvester 2018 und ich finde, es geht nicht mehr,

dass Frieden so weich und langweilig

und so harmlos klingt.

Um des lieben Friedens willen,

wurde schon so viel verschwiegen.

Und – ich verstehe das ja – manchmal ist es notwendig.

Manchmal dient es dem Frieden,

ganz bewusst den Mund zu halten,

etwas sein zu lassen,

weil ich weiß, dass es zu nichts Gutem führen würde.

Psalm 34,14: Behüte deine Zunge vor Bösem

und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;

suche Frieden und jage ihm nach!

Aber so einfach ist es mit dem Frieden nicht.

Manchmal geben wir mit unserem Schweigen

und mit unserer Passivität dem Falschen Raum.

Um des lieben Friedens willen,

ist schon so manches viel zu lange verschwiegen

und unter den Teppich gekehrt worden.

Wenn die Wahrheit dann endlich zum Vorschein kommt,

ist die Empörung riesengroß.

Dann wird zu Recht gefragt, wer dafür verantwortlich ist.

Und das zerreißt Familien, zerstört Freundschaften

und stürzt Organisationen (Kirchen) in tiefe Krisen. Zu Recht!

Denn um den Frieden zu wahren, wurde Ungerechtigkeit geduldet.

Wer die Misstände aufdeckt, erlebt nicht nur Freude darüber,

sondern eben auch, dass er den Frieden stört.

Auf der Suche nach Frieden stehen wir also

vor einer Menge Fragen.

Ich suche Frieden, ich jage ihm nach

und frage: was darf er kosten?

Bin ich bereit?

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?

Soll ich etwas machen oder lass ich’s lieber sein?

Wer auf Frieden hofft, kann nicht so tun,

als wäre die Hoffnung neutral.

Ich habe jahrelang nur das Positive daran gesehen,

wenn Menschen mir gesagt haben, ich sei so diplomatisch,

ich könne so gut mehrere Seiten verstehen.

Wir haben tatsächlich einmal in einer Runde,

ein sehr persönliches Gespräch über unsere Persönlichkeiten geführt

und dabei war eine Frage, wenn Johannes ein Land wäre,

welches wäre er?

Und eine Freundin und ehemalige WG-Mitbewohnerin meinte,

wenn Johannes ein Land wäre, dann wäre er die Schweiz.

Ich habe mich darüber gefreut.

Und auch heute noch sehe ich das Positive.

Aber mir ist gerade im letzten Jahr noch einmal deutlich geworden,

dass es Zeiten gibt und Themen gibt,

bei denen ich nicht neutral sein kann.

Hoffnung ist niemals neutral.

Wenn ich auf Frieden hoffe, dann bin ich nicht neutral.

Dann bringt mich das auch in Widerspruch zu anderen.

Und das ist gut. Das muss so sein.

Um meine neutrale Zone zu verlassen, finde ich es hilfreich,

zu überlegen, wer letztlich den Preis zu zahlen hat.

Sollte ich mich dafür entscheiden, den Frieden zu wahren,

Bin ich es dann nur alleine

oder leiden eigentlich andere darunter?

Wenn wir es vermeiden, uns zu bewegen, aufzustehen,

unbequeme Sachen zu machen,

was werden wir dann unseren Kindern und Enkelkindern sagen,

wenn sie uns fragen:

hättet ihr damals nicht mehr tun können?

«Vielleicht lernen wir ja noch was»,

sagt ein Astronaut 400km über der Erdoberfläche

z.B. «dass die Zukunft wichtiger ist als die Vergangenheit,

(…) dass man für Dinge, die es wert sind,

auch mal ein Risiko eingehen muss».

In einem Video mit dem Titel «Botschaft an meine Enkelkinder»,

sagt Astro Alex, Alexander Gerst.

«Wenn ich so auf den Planeten runter schaue, habe ich leider das Gefühl,

dass ich mich bei euch entschuldigen muss.

Im Moment sieht es so aus, also ob wir – meine Generation –

euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.

Im Nachhinein sagen natürlich immer viele Leute,

sie hätten davon nix gewusst.

Aber in Wirklichkeit ist es uns Menschen schon sehr klar,

dass wir den Planeten mit CO2 verpesten,

dass wir das Klima zum Kippen bringen,

dass wir Wälder roden

dass wir die Meere mit Müll verschmutzen

dass wir die limitierten Ressourcen viel zu schnell verbrauchen

und dass wir zum Großteil sinnlose Kriege führen.

(…)

Ich wünschte, ich könnte durch eure Augen in die Zukunft schauen,

in eure Welt und wie ihr sie seht,

das geht leider nicht und deshalb ist das einzige, was mir bleibt,

zu versuchen, eure Zukunft möglich zu machen

und zwar die beste, die ich mir vorstellen kann.»

Suche Frieden und jage ihm nach.

Lasst es uns gemeinsam versuchen.

Weil wir Möglichkeiten haben.

Weil wir einen kennen, dem nichts unmöglich ist.

Weil es eine echte Suche und manchmal eine wilde Jagd ist.

Weil wir einen kennen, dessen Frieden höher ist.

Wir haben gerade wieder Geschenke ausgepackt.

In einem kleinen Päckchen war ein Friede-Fürst.

Er ist schon so lange unterwegs auf der Friedenssuche

und er nimmt uns mit auf die Jagd.

Amen.