Rosemarie

Eine Predigt mit 2. Korintherbrief 4,(6-15)16-18

 

I. Rosemarie

Ich lache … ich lache jedem ins Gesicht,

der mich bewundert, als wäre ich ein Supermensch

und zu mir spricht: Nein, was du alles kannst, das könnt ich nicht.

Rosemarie war seit ihrer Kindheit spastisch gelähmt.

Man kannte sie ihn Volmarstein.

Frau Berster, die alte Dame im Rollstuhl,

die so leise und undeutlich sprach

und mit ihren Worten doch so viele Menschen berührte.

Auf ihrer alten Schreibmaschine malte sie sogar Bilder

buchstäblich nicht nur mit Worten.

Ihre Texte zeigen in berührender Weise eine starke Frau,

die ihr Leben meisterte, manchmal traurig und verzweifelt –

doch letztlich fröhlich, zuversichtlich und mit Gottvertrauen,

so beschrieb man sie.

Sie selbst schrieb:

Oft meint ich schon, ich könnt es nicht ertragen,

was mir vom Leben Schweres auferlegt.

Hab jedoch wenig nur geweint – was nützt das Klagen?

Das hat noch niemals ein Problem hinweggefegt.

Die Einsamkeit an manchem langen Abend,

die Schmerzen in der ruhelosen Nacht

sind mittlerweile meine treuesten Gefährten.

Sie haben mich so schwach und doch auch stark gemacht.

 

II. Paulus

Man kannte ihn in Korinth,

Paulus von Tarsus, der bei ihnen gepredigt

und mit seinen Worten manche berührt hatte.

Die Korinther hielten Kontakt mit ihm.

Er schrieb von Zeit zu Zeit einen Brief

und wollte sie gerne bald mal wiedersehen.

Doch es zog sich hin und manche blieben begeistert,

von dem was er ihnen gesagt hatten.

Andere aber bezweifelten inzwischen sehr,

dass seine Botschaft sie auf den richtigen Weg führte.

Seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark;

aber wenn er selbst anwesend ist,

ist er schwach und seine Rede kläglich.

Wie kann denn einer, der so unscheinbar auftritt,

der alles andere als ein Supermensch ist,

wie kann so einer sich Apostel, Gesandter Jesu Christi, nennen?

Er musste mehr als einmal um sein Leben fürchten.

Litt Schmerzen in der ruhelosen Nacht.

Sein Weg machte ihn einsam und brachte ihn in Gefahr.

So fragen sie: wollt ihr denn wirklich auf den hören,

der selbst so ein Schwächling ist?

Und Paulus schreibt:

Darum verzagen wir nicht:

wenn auch unser äußerer Mensch verbraucht wird,

so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert.

Denn die Last unserer jetzigen Bedrängnis wiegt leicht

und bringt uns eine weit über jedes Maß hinausgehende,

unendliche Fülle an Herrlichkeit,

wenn wir nicht auf das Sichtbare schauen,

sondern auf das Unsichtbare.

Denn das Sichtbare gehört dem Augenblick,

das Unsichtbare aber ist ewig.

 

III. Sichtbares und Unsichtbares

Paulus predigt den Gekreuzigten

und die Sterblichkeit ist ihm anzusehen.

Paulus predigt auch den Auferstandenen,

aber diese Lebendigkeit ist unsichtbar.

Wo ist sie denn?

Paulus schreibt: sie ist hier in mir drin.

Sie lässt mich glauben, hoffen, vertrauen.

Sie lässt mich alles ertragen.

Sie hält mich wach.

Ich werde nicht müde.

Ich lebe mein Leben mutig trotz allem.

Ich lache jedem ins Gesicht.

Und ich will diesen Glauben mit euch teilen.

Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten,

der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben (…)

zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.

 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

So sind wir beschaffen.

So ist es seit Adam und Eva.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Und er machte Menschen aus dem Staub der Erde

und blies ihnen Odem des Lebens in ihre Nasen.

Wie ein Tonkrug, der leicht zerbrechen kann, so ist ein Mensch.

So sind nicht nur Paulus und Rosemarie.

So sind wir.

Wer sich auf das Sichtbare konzentriert,

sucht den starken Mann und starke Worte.

Wer auch das Unsichtbare wahrnimmt,

kann in einem schwachen Menschen, Gott erkennen.

 

Da ist ein Schatz in jedem noch so brüchigen Gefäß.

Paulus – kränklich und kein großer Redner,

in einer griechischen Großstadt fallen solche Mängel auf.

Er war bestimmt kein Supermensch,

aber er wusste: ich muss auch keiner sein.

Hier ist ein Schatz drin.

Ich bin mit meinem Schöpfer verbunden und von seinem Geist erfüllt.

Kraft von Gott und nicht von mir.

Sie bewahrt mich vor der Müdigkeit

Mein Glaube gibt mir Halt,

wenn auch von außen her betrachtet alles bricht.

Das Stückwerk meines Lebens hält zusammen.

Und wenn es eines Tages doch wieder zu Staub zerfällt:

Der den Herrn Jesus auferweckt hat,

wird uns auch auferwecken.

 

IV. Rosemarie Berster

Doch bis da hin dauert’s noch eine kleine Weile.

Frau Berster, Rosemarie, wurde 76 Jahre alt

und sie teilte ihre Hoffnung, ihren Glauben, ihr Vertrauen.

Ein Leben in engen Grenzen im steten Kämpfen,

um Teilhabe am Leben hier und jetzt

oder einfach nur darum, die nächste Nacht,

den nächsten Tag irgendwie zu überstehen.

Das hat sie stark gemacht.

Im steten Überwinden wird mir ja Kraft gegeben,

die nötig ist, auch anderes Schlimme durchzustehen.

Frei kann mein Geist hoch über alle Fesseln sich erheben,

die meinen Körper daran hindern, aufzustehen und fortzugehen.

Darum will immer ich mein Leben weiter wagen

und will trotz vieler Schatten mich der Sonne freuen.

Gern möcht ich allen, die da schwach sind, sagen:

Es ist erregend schön, im Körper schwach,

doch stark im Geist zu sein.

 

V. Rosemarie, Paulus, Adam und Eva, du und ich

Ich sehe auf das Sichtbare,

es sieht nicht immer rosig aus

und deshalb kann ich schon verstehen,

dass manche hier und da der Mut verlässt.

Ich sehe es ja auch.

Und meine Augen will ich nicht bedecken,

nur hier und da entdecken, was in mir ist und auch in dir.

Was unsichtbar und einem Schatze gleich

uns alle aus dem Staub zu Menschen macht.

Adam, Eva, Paulus, die Korinther, Rosemarie und dich und mich:

das ist sein Lebenshauch, Geist, Hoffnung, Schöpferlicht.

Amen.

 

Das Gedicht „Stark im Geist“ hat Rosemarie Berster 1997 in ihrem Buch „Das Lächeln des Trompeters“ veröffentlicht.

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