Reformation & Konfirmation

Predigt mit Johannes 6,66-69 und Jesaja 41,10

Gottesdienst mit Jubelkonfirmation am 5.11.2017

 

Eine Kollegin aus Norddeutschland

hat Anfang der Woche einen sehr persönlichen Text veröffentlicht.

Ich finde ihn so gut, dass ich etwas davon

heute mit ihnen teilen muss. Sie schreibt:

Als ich Kind war, durften nicht alle anderen Kinder mit mir spielen.

Es war klar, dass ein Mädchen mit noch drei anderen Geschwistern,

einem arbeitslosen Stiefvater und einer drei Mal verheirateten Mutter

kein guter Umgang ist.

Als ich Jugendliche war, war ich immer noch kein guter Umgang,

denn ich habe im Kirchengebäude heimlich hinter dem Altar geraucht,

hing mit Leuten ab, die nicht gut für mich waren

und hatte eine Einstellung zu Alkohol,

die ich meinen Konfirmand*innen heute lieber nicht erzähle.

Meine höchst biederen Großeltern waren regelmäßig geschockt

über meine Kleidung und meine Haare.

Und über alles andere, was mich ausgemacht hat, eigentlich auch.

Später, im Vikariat, war meine Kirche das auch,

über mich geschockt in vielerlei Hinsicht.

Ich kenne das deshalb sehr gut, wie es ist,

wenn andere Menschen über einen urteilen.

Und das Gefühl, in den Augen anderer Menschen

nicht gut genug zu sein. Nicht richtig.

 

Als ich 15 Jahre alt war, habe ich beim Pastor meines Ortes geklingelt

und gefragt, ob er mich taufen kann.

Ob er wusste, dass die Kippen in der Kirche von mir waren,

hab ich ihn nie gefragt.

Die Sehnsucht danach, einmal nicht falsch zu sein

und verurteilt zu werden dafür, wie ich bin,

hat mich damals an diese Haustür getrieben.

Und dann da in diesem Pfarrhaus

zum ersten Mal in der Bibel zu lesen,

dass es keine bestimmten Leistungen braucht,

damit Gott einen Menschen liebt …

Diese Erfahrung war herausragend für mich:

Geliebt um meiner selbst willen. Wow.

 

Herr, wohin sonst sollten wir gehen?

Du hast Worte des ewigen Lebens.

 

Ich habe nicht mit 15 Jahren an die Tür eines Pfarrhauses geklopft,

um nach der Taufe zu fragen.

Ich war mit 15 längst konfirmiert.

Und dieses Jahr wurde ich zur Silbernen Konfirmation eingeladen.

Es war ein schöner Gottesdienst

in der Kirche, in der wir 1992 konfirmiert wurden.

Wer heute Kronjuwelen-Konfirmation feiert,

hatte 1992 schon Goldkonfirmation.

Ich weiß, Sie sind mir ein gutes Stück voraus

Es hat mir 25 Jahre später wieder gut getan,

stärkende, segnende Worte zu hören.

Und auch meinen Konfirmationsspruch habe ich wieder neu gehört.

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;

weiche nicht, denn ich bin dein Gott.

Ich stärke dich, ich helfe dir auch,

ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. (Jesaja 41,10)

 

Den Spruch habe ich mir damals selbst ausgesucht.

Es gehört zu den wenigen konkreten Erinnerungen

an meine Konfirmandenzeit: wie wir damals

während einer Wochenend-Freizeit die Aufgabe hatten,

aus einer Auswahl von Bibelversen unseren Spruch auszuwählen.

Die Verse standen auf Zetteln,

die an einer Wäscheleine im ganzen Raum verteilt hingen.

Ich habe geschaut, was spricht mich an.

Als 13jähriger habe ich mir dann diese Sätze ausgesucht.

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.

Ich stärke dich, ich helfe dir auch.

 

Inzwischen kenne ich mich selbst noch 25 Jahre länger und besser

und ahne, warum diese Worte mich damals angesprochen haben.

Ich ticke wahrscheinlich ein bisschen anders

als die Kollegin aus dem Norden.

Sie hatte Angst vor dem Urteil der anderen.

Ihre Angst sagte: Du bist nicht gut genug.

Meine Angst sagte: Du bist nicht stark genug.

Sie fürchtete, nicht geliebt zu werden.

Oder jedenfalls nur dann geliebt zu sein,

wenn sie genug dafür getan hatte.

Wenn sie ein gutes Mädchen war.

Ich fühlte mich schon geliebt und grundsätzlich angenommen.

War bestimmt nicht immer ein guter Junge, aber spürte auch,

dass das nicht die Bedingung dafür war, geliebt zu werden.

Meine Eltern gaben mir ein Gefühl von Sicherheit

und brachten mir von klein auf auch Gottes Liebe näher.

Ich hörte von bedingungsloser Liebe im Kindergottesdienst,

sang Lieder von Gnade und Hoffnung in Kinderbibelwochen und so weiter.

 

Ich hatte und habe so ein Grundgefühl,

dass ich kostbar bin in Gottes Augen.

Aber ich hatte und habe auch diese Angst,

dass meine Kraft nicht reicht.

Dass ich das, was von mir verlangt wird, mal nicht mehr schaffe.

Dass einfach alles zu viel wird.

Der Berg zu hoch.

Das Tal zu tief.

Und ich glaube bei mir hat das tatsächlich weniger damit zu tun,

dass ich meine, jemandem – vielleicht sogar Gott –

etwas beweisen zu müssen.

Mein Problem ist weniger die Frage: Wie beurteilen mich die anderen?

Sondern: Bin ich stark genug für die nächsten Herausforderungen?

Ich fürchte das Urteil der anderen nicht so sehr,

wenn ich sage, ich fühle mich manchmal zu schwach.

Deshalb kann ich es auch hier sagen.

Und deshalb habe ich mir wohl diesen Vers ausgesucht.

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;

weiche nicht, denn ich bin dein Gott.

Ich stärke dich, ich helfe dir auch,

ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Es tut mir gut, das zu hören.

 

Martin Luther hatte auch – ähnlich wie das 15jährige Mädchen –

Angst vor dem Urteil Gottes. Auch seine Frage war: Bin ich gut genug?

Genüge ich den Ansprüchen Gottes?

Dann hat er entdeckt, was Gnade heißt.

Dass Gott das alles Entscheidende für uns tut.

Ich kann nicht gut genug sein und das muss ich auch gar nicht.

Er war vermutlich schon um die 30, als ihm dieses Licht aufging.

Er fand es auch in der Bibel: Lichte Gedanken,

helle Worte, die für ihn zu Worten des ewigen Lebens wurden.

Er hat an viele Türen geklopft, gesucht, studiert und diskutiert

und dann fand er dieses befreiende Wort.

 

Jesus fragt sein Jünger:

»Wollt ihr nicht auch weggehen?«

Simon Petrus antwortet ihm:

»Herr, zu wem sollten wir denn gehen?

Du sprichst Worte, die ewiges Leben schenken.

Wir glauben und wissen: Du bist der Heilige Gottes!«

 

Worte, die ewiges Leben schenken.

Du bist gut genug.

Du bist stark genug.

Ich habe dich erwählt.

Ich halte dich.

Ich glaube an dich.

 

Ich kenne meine Angst.

Sie kennen ihre.

Manchmal ist es besser sie zu verstecken,

aber es ist nicht der Weg, sie zu überwinden oder gut mit ihr zu leben

Oft wird sie im Stillen nur noch größer.

Ich nehme meine Angst heute an die Hand und gehe los.

Irgendwo klopfe ich an eine Tür.

Jemand öffnet sein Haus für mich.

Bittet mich herein, ich nehme Platz.

Er geht kurz in die Küche,

kommt zurück mit einem Teller Brot und einem Glas Traubensaft.

Wir sitzen am Tisch, er schaut mich an

und ich will ihm erzählen,

wo ich überall heimlich geraucht habe

und vor allem, wann ich mich schwach fühle.

Dass ich so gerne unverwundbar wäre.

Warum ich denke, dass ich nicht stark genug bin.

Was mich gerade überfordert.

Das und noch viel mehr …

Ich hole tief Luft und er sagt: „Ich weiß. Ich weiß.

Es ist so gut, dass du jetzt da bist.“

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;

weiche nicht, denn ich bin dein Gott.

Ich stärke dich, ich helfe dir auch,

ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Amen.

 

 

Ich verdanke Carola Scherf einen wichtigen Anstoß zu dieser Predigt. Wer den ganzen Text lesen will, findet ihn hier.

 

 

2 Gedanken zu „Reformation & Konfirmation“

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