Pusten, trösten, Pflaster drauf

Eine Predigt zur Jahreslosung 2016 aus Jesaja 66,13

Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.

Ich gebe zu, diese neue Jahreslosung und ich
wir hatten es zunächst nicht leicht miteinander.
Schon beim Schreiben der Andacht
für unseren aktuellen Gemeindebrief habe ich gebrütet
und darum gerungen, einen Zugang zu diesem Satz zu finden.

Natürlich hatte ich dabei als erstes kleine Kinder vor Augen.


Pusten, trösten, Pflaster drauf.
So heißt ein Kinderbuch, das unsere zweijährigen Tochter,
eine Zeit lang sehr gerne mit uns angeschaut hat.

Das Affenkind, man glaubt es kaum,
das schwang sich gegen einen Baum.
Die Beule auf dem Kopf, auwei!,
sieht fast aus wie ein kleines Ei.
Ein Affenkind gibt niemals auf …
schnell pusten, trösten, Pflaster drauf!

Der Bär ist heute gar nicht froh,
ihn pikste was. Wo? Am Po!
Er saß auf einem spitzen Ast –
da hat er wohl nicht aufgepasst.
Doch bald hält niemand mehr ihn auf …
schnell pusten, trösten, Pflaster drauf!

Dem Hund tut seine Pfote weh,
er ist wohl umgeknickt, oje!
Jetzt ist die Pfote schon ganz dick –
da hilft wohl nur ein kleiner Trick:
Gleich hörn die Schmerzen wieder auf …
schnell pusten, trösten, Pflaster drauf!

Ein kleiner Trick, der hilft bei kleinen Kindern
mit kleinen Schmerzen.
Gott spricht: Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.
Sie tröstet.
Gott tröstet und hat dabei auch große Kinder
mit großen Schmerzen vor Augen.

Die meisten Mütter unter Ihnen haben ihre kleinen Kinder
bereits groß werden und aufwachsen sehen.
Sie haben erlebt, dass die kleinen Tricks nicht mehr ausreichten,
als die Schmerzen größer wurden.
Pusten, trösten, Pflaster drauf, das war einmal.

Wenn man als Vater oder Mutter eines Säuglings
oder Kleinkindes mal über seine Sorgen klagt,
bekommt man machmal Sätze zu hören wie diese:
Als meine Kinder klein waren, habe ich auch manchmal gedacht,
wie soll ich das nur schaffen?
Aber später habe ich mir manchmal gewünscht,
wir könnten einfach mal wieder nur übers Mittagessen streiten
oder ums Zähneputzen ringen
oder Diskutieren, wann es endlich Zeit ist ins Bett zu gehen.
Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen.

Wenn die kleinen Tricks schon lange nicht mehr ausreichen,
erleben Eltern ihre Kinder manchmal auf Abwegen,
Kinder, die auf die schiefe Bahn geraten,
Kinder, die mit gebrochenen Herzen
auf einmal wieder vor der Tür stehen,
gescheitert, todtraurig, tief verletzt,
und Kinder, die krank sind,
mit körperlichen und seelischen Schmerzen,
die eben nicht gleich wieder aufhörn.
Kinder, die getröstet werden wollen.

Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.
Und manche Kinder finden Halt bei ihren Eltern,
bei ihren Müttern und Großmüttern.
Und andere haben keine Mutter mehr, zu der sie gehen könnten.
Wieder andere haben zwar eine Mutter, aber keine die tröstet.

Für sie ist die neue Jahreslosung ein Satz,
der Salz in die Wunde streut.
Sie klingt für sie nicht tröstlich,
sondern erinnert auf schmerzhafte Weise
nur wieder an dieses Loch im Beziehungsnetz,
an den fehlenden Trost der Mutter.
Wenn dieser Gott meine Mutter kennen würde
– er müsste sie doch eigentlich kennen –
wie kann er so etwas sagen? fragen sie.

Bei Jesaja finden wir diese Erfahrung auch:
Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen,
eine Mutter ihren leiblichen Sohn?
Und selbst wenn sie ihn vergessen würde:
ich vergesse dich nicht.
(Jes 49,15 EÜ)

Die Kinder, die Gott vor Augen hat und niemals vergisst,
sind längst erwachsen. Sie haben viel durchgemacht.
Ihr Lebensweg ist voller Höhen und Tiefen,
vielleicht bei den Tiefen eher über dem Durchschnitt,
also darunter, tiefer, übler was ihnen das Leben zugemutet hat.
Gott spricht durch den Propheten Jesaja mit den Menschen
in der zerstörten Stadt Jerusalem.
Zion, ihr Ort der Hoffnung, der Nähe Gottes auf Erden, ist zerstört.
Leben im Exil. Hat Gott uns vergessen, fragen sie sich.

Und er antwortet:
ich vergesse dich nicht.
Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände,
deine Mauern habe ich immer vor Augen.
Deine Erbauer eilen herbei,
und alle, die dich zerstört haben, ziehen davon.

(Jes 49,15-17 EÜ)

Ein Pflaster reicht nicht.
Die Schöpferin und Erhalterin des Lebens baut ihre Kinder auf.
Deine Erbauer eilen herbei.
Auf diese Wunde kann man kein Pflaster kleben und alles wird gut.
Es muss neu aufgebaut werden.
Und dabei wird ein neuer Hoffnungsort entstehen.
Ganz konkret wurde zu Jesajas Zeiten wohl schon diskutiert,
ob der Tempel in Jerusalem wiederhergestellt werden kann
und vielleicht sogar wieder aufgebaut werden muss.
Und Gott sagt: ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
(Jes 66,13b)
Der Ort bleibt ihm wichtig. Treuer Gott.
Aber so ein Haus als Wohnung auf Erden ist ihm viel zu klein.
Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße!
Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet,
oder welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte?
Meine Hand hat alles gemacht, was da ist.
Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist
und der erzittert vor meinem Wort.

(Jes 66,1-2)

Die Kinder sind erwachsen geworden und haben viel mitgemacht.
Gott will aufbauen, was zerstört wurde.
Sie wird aus den alten Trümmern, etwas Neues entstehen lassen.
Dabei liegt ihr Augenmerk auf dem, was in ihnen zerstört wurde.

Überspitzt gesagt:
die Trümmerberge um sie herum sind ihr erstmal herzlich egal,
in den Herzen will sie Aufbauarbeit leisten.
Sie sieht zuerst die Menschen, die sie geschaffen hat
und dann erst, was sie alles schaffen können.
Gott sieht die Beziehungen der Menschen,
interessiert sich für ihr Verhältnis zu sich selbst,
zu anderen Menschen, ihr Zusammenleben.
Die Heimkehr aus dem babylonischen Exil
und der Wiederaufbau Jerusalems gehören auch dazu.
Aber die äußere Erneuerung beginnt innerlich.

Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.
Dazu gehört also auch, sich etwas sagen zu lassen von ihr.
Trost zu empfangen,
setzt vorsichtig gesagt eine gewisse Offenheit und Nähe voraus.
Ist dein Geist zerbrochen, also offen für mich?
Erlaubst du mir in dein Leben hinein zu sprechen?
Erzitterst du vor meinem Wort,
respektierst du mein Wort,
erwartest du überhaupt (noch) etwas von mir
… nach all der Zeit oder vielleicht heute zum allerersten Mal?
Also traust du mir zu, dass ich dir ein Wort für dein Herz sage?
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
(Lk 2,19)

Trösten kommt manchmal (oder sogar oft) auch ganz ohne Worte aus.
Was wir später mit diesem Begriff umschreiben,
erleben wir schon am Anfang unseres Lebens,
lange bevor wir überhaupt Worte dafür haben.
Und den Reflex: Ich will zu meiner Mama!
können viele Menschen an sich selbst beobachten,
auch wenn sie selbst längst erwachsen geworden sind.
Und manche rufen nach ihrer Mutter,
wenn sie sich auf ihre letzte Reise machen und im Sterben liegen.

Mama, Arm! sagt unsere Tochter.
Sie braucht dann keine Worte.
Vielleicht den Klang ihrer Stimme.
Den vertrauen Geruch ihrer Mama.
Vor allem wünscht sie sich eine Umarmung.
Es beruhigt sie gestreichelt
und auf dem Arm getragen zu werden.
Das Wiegen den Kopf auf die Schulter gelegt.
Angekuschelt.
Das tröstet sie.

Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.
Mit dieser Losung, mit der ich es anfangs nicht leicht hatte,
gehe ich jetzt gerne in ein neues Jahr.
Ich glaube, wir sind doch noch Freunde geworden.
In diesem Jahr 2016 werden vermutlich
(fast) alle von uns Momente erleben,
in denen wir Trost brauchen.
Ein Trostbedürfnis wird sich hin und wieder melden
ein kleines oder vielleicht auch ein großes.
Unser Gott will es stillen
mit so viel mehr als nur pusten, trösten, Pflaster drauf.
Unser Gott, sie will uns trösten wie einen seine Mutter tröstet.

Amen.

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