Mit den Müden reden

Predigt an Palmsonntag mit Johannes 12,12-19 und Jesaja 50,4-9

 

Gott, der HERR, hat mir eine Zunge gegeben,

mit den Müden zu rechter Zeit zu reden:

Wer ich bin?

Ich bin ein Diener Gottes, früher sagte man Knecht,

ich bin Gottes Volk, ich bin ein Einzelner aus seinem Volk,

ich bin das Idealbild eines Propheten: Mose, Jesaja.

Als Jesaja rede ich über einen neuen Anfang.

Damals in der Zeit des babylonischen Exils.

Ich sage: Gott wird euch nach Hause bringen.

In Euer Land, wo ihr in Freiheit leben könnt.

Wo eure Sprache, eure Kultur, euer Glaube,

eure Traditionen akzeptiert sind.

Wo ihr dazu gehört.

Gott wird helfen.

Er sagt: Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir.

Weiche nicht, denn ich bin dein Gott.

Ich stärke dich. Ich helfe dir auch.

Ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Seine Worte höre ich.

Gott weckt mich alle Morgen,

er weckt mir (selbst) das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören,

aber die Müden können’s nicht mehr hören.

Die den Gott ihrer Mütter und Väter aus Israel kannten,

haben in Babylon das Vertrauen in ihn verloren.

Das Leben ist mühselig, ermüdend.

Sie können die Ankündigung des Neuanfangs, des Wiederaufbaus,

der Heimkehr so wenig ertragen, dass es sie aggressiv macht.

Ich rede von Trost und sie rasten aus.

Schlagen mich.

Kämpfen mit mir.

Spucken mich an.

Sie wollen mich zum Schweigen bringen,

obwohl ich Ihnen das Heil ansage.

Sie können es (noch) nicht glauben.

Und trotzdem rede ich weiter.

Ich muss weitersagen, was ich von Gott höre

wie ein Schüler, der hört und teilt, was er empfangen hat.

Gott ist mein Helfer.

Und er kann unser Helfer sein.

Ich nehme das auf mich und ich werde das alles aushalten.

Ich verziehe keine Miene, ihr werdet keine Träne von mir sehen,

denn ich weiß, Gott lässt mich nicht zuschanden werden.

Es wird vorüber gehen.

Und dann wird mein Helfer, unser Helfer sein.

Israel, hört doch!

Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt,

die ihr den Herrn sucht: Ja, der Herr tröstet Zion,

er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden

und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn,

dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

(musikalisches Zwischenspiel: Tochter Zion)

Bist du es, Jesus?

Du hast doch Ohren, die auf Gottes Stimme hören.

Du hast doch einen Mund, der mit den Müden redet zur rechten Zeit.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.

Fürchtet euch nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.

Jeden Morgen weckt er dir das Ohr.

Und du hörst unser Seufzen: ich hab jetzt schon keine Lust mehr.

Das leise Weinen: kann ich nicht einfach im Bett bleiben.

Hörst unsere Klage über Ungerechtes: ach, das ändert sich ja doch nicht.

Keine neue Regierung tut was dagegen.

Du hörst unsere müden Stimmen.

Und du bist nicht ungehorsam, weichst nicht zurück.

Sondern gehst hin. Den müden Stimmen entgegen.

Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!

Du gehst hinein in das zu Recht Unausgesprochene

und das ausgesprochen Ungerechte,

in Angst, in Zweifel, und in schwache Hoffnung.

Du gingst auch hinauf nach Jerusalem.

Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, riefen sie.

Lazarus hat er von den Toten auferweckt.

Habt ihr auch gesehen wie er ihn aus dem Grab gerufen hat?

Und sie stehen da mit Palmzweigen,

legen ihre Kleider auf den Boden

und feiern Dich wie einen König.

Bin ichs?

Der an der Straße steht und jubelt?

Manchmal bin ichs.

Palmzweige in der Hand.

Dank und Lobgesang auf den Lippen.

Hosianna. Dann lege ich meine Lasten ihm zu Füßen.

Und er ist da. Kommt sanftmütig und in niedern Hüllen.

Ein Helfer auf einem Eselsfüllen.

Und du gingst weiter durch Jerusalem,

weiter als die meisten von uns je gehen.

Auch Du hieltst deinen Rücken denen hin wie der Mann in Babylon.

Sie haben dich gegeißelt und bespuckt, mit Dornen gekrönt.

Und aus dem Hosianna wurde in wenigen Tagen das «Kreuzige ihn!»

Und du erträgst es.

Trotz aller Ungerechtigkeit, du bleibst unbeirrt.

Bin ich’s?

Fragen die Jünger bei eurem Mal am Abend zuvor.

Bin ich’s, der dich verraten wird?

Bin ich’s der sich mitreißen lässt?

Der mitschreit, wenn alle schreien, schweigt, wenn alle schweigen?

Der wegläuft?

Der unter Druck nachgibt?

Und sich aus Angst vor den Schlägen und dem Speichel wegduckt?

Und Jesus sagt: Ja, du bist es UND ich bin es trotzdem: für dich.

Bricht Brot und teilt den Kelch.

Für Leib und Seele.

Zur Vergebung der Sünden.

Kraft für die Müden.

Betet: Vater, vergib ihnen denn sie wissen nicht was sie tun.

Und Jesus weiß sein ganzes Leben in Gottes Händen.

Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist.

Du lässt deinen Diener nicht los, lässt mich nicht zuschanden werden.

„Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!

Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“

 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht;

doch als Jesus verherrlicht war,

da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand

und man so an ihm getan hatte.

Am dritten Tag. Am Ostermorgen sagen die ersten:

Ja, du bist es. Christus.

Unbeirrbar und verletzlich.

Auferstanden von den Toten.

Dein Blick fällt auf uns.

Wie wir manchmal so müde sind.

Und Du siehst uns an.

Ja, du bist es. Christus.

Mit entschiedenem Leben und offenen Ohr.

Hörst unsere Worte und unser Stammeln.

Und führst Gottes Worte in deinem Mund:

Gott ist der, der die Gerechtigkeit liebt.

Lasst uns zusammen vortreten.

Nicht um zu rechten. Sondern um zu leben.

Gemeinsam. Du und ich!

Und ich stehe davor.

Wir stehen davor. Jüngerinnen und Jünger.

Nachfolger und Suchende.

Und sehen auf ihn. Und er sieht auf uns.

Bin ich es?

Und er sagt: Ja, du bist es.

Und er lacht. Und seine Augen leuchten.

Und er breitet die Arme aus.

Siehe, Gott der Herr hilft mir.

Wer will mich verurteilen?

Ich bins.

Gott hilft mir.

Dem Müden.

Ich bin sein Jünger.

Wir sind seine Jüngerinnen und Jünger.

Wir haben ihn.

Und das reicht.

Er ist es für mich.

Amen.

 

 

Besonderer Dank gilt dieses Mal dem Kollegen Philipp Rottach für seine Predigt, aus der meine entstanden ist und Dorothee Sölle für die Erinnerung daran, dass Gott der ist, «der die Gerechtigkeit liebt».

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