Meer Gerechtigkeit

Eine Predigt mit Amos 5,21-24 in einem Gottesdienst mit Taufen

 

Ich hasse und verachte eure Feste

und mag eure Versammlungen nicht riechen –

es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –

und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen

und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Ich bin getauft.

Fiete, Femke, Len,

Sie und ich, wir sind getauft.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

das ist vermutlich ein sehr seltener Taufspruch.

Ich hasse und verachte eure Feste, dürfte allerdings noch seltener sein.

In den meisten Taufsprüchen ist eher von Freude

und Leben und Liebe die Rede,

von Schutz und Segen und Behütetsein.

Die harschen Worte der alttestamentlichen Propheten werden selten ausgewählt.

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Der wäre vielleicht geeignet als Taufspruch.

Bei Jugendlichen beobachte ich,

dass sie sich schon mal ganz gerne einen Spruch aussuchen,

der wie eine Leitlinie für’s Leben klingt.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden,

sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,21)

War bei meinen Konfirmanden zuletzt sehr beliebt.

 

Amos singt ein Klagelied, stimmt eine flammende Rede an,

sozialpolitischer Aschermittwoch in Israel

lange bevor der Karneval im Rheinland Tradition wurde:

das Recht habt ihr zu Wermut gemacht,

die Gerechtigkeit zu Boden getreten,

die Armen unterdrückt ihr,

nehmt hohe Abgaben an Getreide von ihnen,

die Gerechten bedrängt ihr und nehmt Bestechungsgeld.

Sucht das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebt.

So spricht Gott, der HERR: Sucht mich, so werdet ihr leben.

Sie bringen ihre Opfer dar, feiern rauschende, religiöse Feste

und kriegen den Zusammenhang nicht mehr klar zwischen dem,

was sie im Tempel tun und wie sie sich im Alltag verhalten.

Da wird Gott laut:

Lasst mich doch endlich in Ruhe mit eurem Geplärr.

Fangt wieder an, mich ehrlich zu suchen.

Könnt ihr euch eigentlich noch selbst im Spiegel anschauen.

Hört ihr noch was ihr da singt und betet und spürt ihr denn nicht,

wie wenig das alles zu eurem Leben passt?

So geht es nicht weiter.

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Wie ginge es weiter,

wenn wir weniger Staudämme in den Bach der Gerechtigkeit bauten?

Wie ginge es weiter?

Wie könnte unsere Welt aussehen,

wenn wenigstens wir Getauften,

wenn Fiete, Femke, Len, Sie und ich

Recht und Gerechtigkeit verströmten?

Ein paar Ungetaufte sind ja schon gut dabei.

Und manchmal sind sie uns auf dem Weg auch voraus.

Wie könnte eine gerechtere Zukunft aussehen?

 

In den Supermärkten wäre fairtrade der Normalfall,

es würde also wahrscheinlich nicht mehr so heißen.

Unfair gehandelte Produkte müsste man

in irgendwelchen dubiosen online-shops bestellen,

vielleicht im darknet.

Der Paketbote, der uns die Päckchen brächte,

hätte mehr Zeit für seine Tour

und würde gerne drei Mal klingeln und geduldig warten,

bis wir es endlich zur Tür geschafft hätten.

 

Es gäbe auch in anderen Berufen bessere Arbeitsbedingungen,

faire Bezahlung und realistische Anforderungen.

In Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern könnte man

mit den Mitarbeitenden wieder reden,

ohne dass sie alle 5 Sekunden auf die Uhr schauen.

Mitarbeiter in der ambulanten Pflege hätten wieder ein offenes Ohr

müssten nicht ständig an die Dokumentationspflicht

und ihren Kleinwagen draußen im Halteverbot denken.

Wir würden neue Lösungen finden für unser Gesundheitssystem

und bei einem Facharzt könnte vielleicht jeder kurzfristig einen Termin bekommen.

 

Es gäbe genug Kindergartenplätze und es käme nicht mehr darauf an,

dass man in der richtigen Gegend wohnt und am besten noch Vitamin B hat,

um den Platz zu kriegen, den man für sein Kind braucht.

Es gäbe auch gute Schulen für alle Kinder in unserer Stadt.

Man müsste nicht mehr bangen um den Schulplatz und überlegen,

ob man sein Kind vielleicht doch lieber katholisch taufen lassen sollte,

weil das ja in Steele und Umgebung die Tore zu mancher Grundschule öffnet,

die einem sonst verschlossen bleibt.

 

Es gäbe noch viel mehr Schulen, auf denen Mathilda ganz anders,

aber genau so gut wie Kevin lernen könnte,

und Mia, Yunis, Lilli, Samira, Konstantin und Denisa auch

trotz ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen gute Chancen hätten.

Wie ein nie versiegender Bach so ströme Recht und Gerechtigkeit …

 

Amos ruft nach Gerechtigkeit und ich sehe so viele sich mühen,

wirklich ernsthaft suchen, neu denken, diskutieren, verhandeln, …

ich habe auch immer noch nicht aufgegeben zu denken,

dass politische Entscheidungen für mehr Gerechtigkeit sorgen können.

Was würde Amos wohl heute in Berlin sagen?

Oder im Essener Rathaus?

Was würde er uns sagen, wenn wir Familienrat halten?

Er hat mit Worten gewütet und durch seine Visionen einen Aufruhr angezettelt.

Er sieht das Ende kommen, weil es so einfach nicht weitergehen kann.

Und ganz am Schluss redet Amos dann doch von einer Hoffnung:

ich will die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten

und ihre Risse vermauern

und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten …

 

Und ganz am Ende unserer Bibel in einem Buch,

das die Visionen eines gewissen Johannes beschreibt,

begegnet uns wieder so ein Hoffnungsbild,

Durch dieses Bild fließt Wasser.

(Off 22,1-2): Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall,

der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes, mitten auf ihrer Straße

und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens,

die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht,

und die Blätter der Bäume dienen der Heilung der Völker.

Ich bin getauft.

Fiete, Femke, Len,

Sie und ich, wir sind getauft.

Eingetaucht in den Strom des Lebens.

Gott lässt Recht und Gerechtigkeit fließen,

gut duftende Früchte wachsen

und heilsame Blätter für die Welt.

Amen.

 

 

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