Lasst uns einander lieben

Eine Predigt zu 1. Johannes 4,7-12

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott,
und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen.
Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn
zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben,
so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Ihr Lieben,
ich wähle diese Anrede meistens, wenn ich meinen Eltern schreibe
meinen Geschwistern oder auch bei manchen Freunden.
Für mich gehört sie in einen vertrauten Kreis von Menschen,
die mir besonders am Herzen liegen.


Ihr Lieben,
ich hatte mal in einer Gemeinde einen Kollegen,
der die Anrede in seinen Predigten verwendet.
Bei ihm passte das auch irgendwie.
Anfangs habe ich mich noch darüber gewundert.
Aber mit der Zeit merkte ich, dass da wirklich auch so eine Vertrautheit
zwischen ihm und vielen Gottesdienstbesuchern war.
Ihr Lieben, das ist direkter und vertrauter, als „liebe Gemeinde“.
Es zeigte mir wie viel ihm daran lag, dass seine Lieben ermutigt,
inspiriert und gestärkt wurden durch die Predigten.

Ihr Lieben,
wenn wir andere so anreden, signalisieren wir damit:
mir liegt etwas an euch, eine ganze Menge sogar.
Ich bin bereit, mir Mühe zu geben für euch.
Ich will, dass es euch gut geht, denn ihr seid mir ganz liebe Menschen.

Die Mühe, das zu schreiben was wir den 1. Johannesbrief nennen,
hat sich gelohnt. Der Brief hat inzwischen fast 2000 Jahre überdauert.
Seine Worte haben viele Christinnen und Christen geprägt.
Sie haben uns auf ihre Weise eingeprägt,
dass die Liebe das höchste ist.
Gott hat uns zuerst geliebt.
Durch Jesus kommt er in Liebe auf uns zu.
Entlastet uns von Sünde,
befreit uns, macht uns zur Liebe fähig.
Also lasst uns einander lieb haben.
Gott können wir nicht sehen.
Wenn wir lieben, ist er da und bleibt da
in uns und unter uns.

Ihr Lieben, es lässt sich nicht in Worte fassen, was Liebe ist.
Aber man kann schon sagen, was nicht Liebe ist.
Furcht ist nicht in der Liebe (v18)
schreibt Johannes.
Gott liebt, wir haben von ihm also nichts zu befürchten.
Und er schreibt, wenn jemand sagt: Ich liebe Gott
und hasst seinen Mitmenschen, der ist ein Lügner.
Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht,
der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. (v20)

Man kann sagen, was nicht in Liebe ist
und man kann im Positiven von der Liebe erzählen wie Jesus
im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?
wird Jesus gefragt und er fragt zurück:
Was steht denn in der Tora geschrieben? Was liest du?
Die Antwort ist einfach: Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften
und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Na, dann mach das doch einfach!
Jesus antwortet in der Sprache der Lutherbibel natürlich etwas vornehmer:
Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Und dann beginnen die Ausreden:
– aber ich weiß gar nicht, wer mein Nächster ist.
– ich weiß gar nicht wie das geht, Liebe kann man doch nicht definieren.
– ich kann doch nicht jedem helfen.
– ich kann die Welt doch nicht alleine retten.

Und schon hast du ein unlösbares Problem kreiert
und kannst dich erstmal wieder zurückziehen, abgrenzen
Augen zumachen, weiter gehen.
Bist auf den ersten Schritten vielleicht noch etwas verstört,
aber dann geht diese kurze Irritation auch wieder weg,
denk einfach nicht mehr dran.

Am 8. August wurde mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter
auf einem deutschen Marineschiff im Hafen von Cagliari/Sardinien gepredigt.
Eine Delegation der Ev. Kirche in Deutschland feierte an diesem ungewöhnlichen Ort einen Gottesdienst. Die Besatzung der „Werra“ ist zur Schlepperbekämpfung auf dem Mittelmeer im Einsatz. Die Marinesoldaten retten natürlich auch in Seenot geratene Menschen. Der Prediger nennt sie ein Samariterboot.

Love VEMWer es heute über’s Herz bringt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, sieht viel Leid und Verzweiflung, existentielle Not, Ertrinkende im Mittelmeer. Zugleich sieht man aber auch viele, die helfen und Menschen, denen geholfen wird. Die Liebe, von der die Bibel spricht, ihr doppeltes Liebesgebot hat nämlich Spuren hinterlassen und Menschen geprägt, die wiederum unsere gesellschaftlichen Werte, unsere Politik bis heute mit prägen und das ist gut so.

Ich finde, wir dürfen die Augen nicht verschließen
und nur an unsere kleine heile Welt denken.
Aber jede große Veränderung fängt im Kleinen,
in unserer kleinen, persönlichen Welt an.
Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben.
Es fängt bei uns selbst an,
bei den Menschen, mit denen uns etwas verbindet.
Das lieb haben fängt im Kleinen an.
Die Liebe entfaltet ihre große Kraft,
wenn Menschen weitergeben, was sie empfangen haben.
Wo lernt ein Mensch zuerst, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden?
Wo lernt er sich liebevoll zu äußern?
Wo lernen wir Mitgefühl?

Es beginnt in der Familie, zwischen Müttern und Kindern,
dann kommen Väter, vielleicht Geschwister dazu,
Omas, Opas, Taufpaten, Onkel, Tanten, Freunde, …
Viele zeigen Zuneigung, schenken Aufmerksamkeit, lieben.
So entsteht die Fähigkeit zu lieben,
Mitgefühl und Zuneigung zu empfinden,
Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen,
spontan zu helfen, wo man kann.
Kinder können das lernen
und unsere Kleinen werden es hoffentlich in die Welt tragen.

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben.
Das ist ein Satz, der an Erwachsene gerichtet ist.
Ich habe manchmal den Eindruck, so leicht es uns fällt mit Kindern liebevoll umzugehen, so schwer fällt es uns mit Erwachsenen.
Ob es für eine Predigt nicht zu banal ist, so was zu sagen, habe ich wirklich eine Weile überlegt, aber ich sage es heute einfach mal:
Aber auch eine Frau, die mitten im Leben steht, hat dasselbe Bedürfnis nach Wertschätzung. Auch ein gestandener Mann will gerne hören, was er gut gemacht hat. Wir meinen vielleicht, als Erwachsener müsste jeder mit selbst sich und seinen Gefühlen alleine kommen. Und ja, ein Erwachsener ist selbst verantwortlich für sein Leben. Aber Anerkennung, Respekt, Liebe braucht ein Mensch in jeder Phase seines Lebens. Wie oft leiden Beziehungen darunter,
dass nur selten ein liebes Wort zu hören ist.
Dabei gäbe es schon Dinge, für die wir dankbar sind,
für die wir ihr Danke sagen oder ihn mal loben könnten.
Aber wir tun’s nicht und verpassen damit jedes Mal eine Gelegenheit zu lieben. Loben ist lieben ist Beziehungspflege.
Es fängt in unseren engsten Beziehungen an.

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben.
Es ist ein Satz an Erwachsene in einer christlichen Gemeinde.
Ein Beispiel dafür, wie gut es tut, wenn gegenseitige Wertschätzung ausgesprochen wird, wenn aus stillen Gedanken hörbare Worte der Dankbarkeit werden, haben wir hier vor einer Woche erlebt.

Meine Kollegin, Jule Gayk, wurde feierlich in den Dienst als Pfarrerin berufen. Wir haben ihre Ordination gefeiert.
Die Ausbildung zur Pfarrerin, ihre Zeit hier in unserer Gemeinde,
gehen zu Ende und vor ihr liegt ein neuer Schritt, eine neue Pfarrstelle.
Da wurde so viel Positives, Anerkennendes gesagt.
Wir haben ihr gedankt und sie hat sich bei vielen bedankt.
Im Gottesdienst haben wir ihr viele gute Wünsche mitgegeben
und um Gottes Segen für sie gebetet.
Anschließend wurde gefeiert rund um die Kirche.
Viele haben hinterher gesagt, wie gut es ihnen gefallen hat.
Und von manchen habe ich gehört, dass es sie sehr ermutigt hat,
obwohl sie selbst nur Gäste waren und gar nicht im Mittelpunkt standen.
„Da weiß man wieder, warum man das alles macht,“
hat mir eine Kollegin aus Köln gesagt.
Das Fest war von einer liebevollen Haltung geprägt
und sie kam in so vielen kleinen Details
und in so vielen guten Worten zum Ausdruck.
Alleine schon nur diese große Dankbarkeit
und gegenseitige Wertschätzung zu spüren,
hat Energie freigesetzt und die Festgemeinde beflügelt.
Es ist so wertvoll, so kraftvoll,
einander Gutes zu sagen
und Gutes zu tun,
zu lieben.
Ihr Lieben, lasst uns einander lieben.
Amen.

 

Predigten des oben erwähnten Kollegen („Ihr Lieben …“)
Diese Predigt auf dem Schiff in Cagliari

2 Gedanken zu „Lasst uns einander lieben“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*