Im Wirtshaus

Eine Predigt mit Offenbarung 2,8-11

 

Kleine Anfänge:

Die wenigen Steeler Protestanten mussten, um eine Predigt zu hören, nach Rellinghausen. Hier hielt ein evangelischer Pastor aus Gelsenkirchen regelmäßig in einem Wirtshaus kirchliche Zusammenkünfte ab. So sahen die kleinen Anfänge unserer Gemeinde im 17. Jahrhundert aus. An eine gemeinsame Nutzung der Kirche zusammen mit der römisch-katholischen Gemeinde war nicht zu denken. Der erste Pfarrer hier Johan Christophorus Seher begab sich deshalb auf eine Kollektenreise nach Holland. Ende des Jahres 1697 konnten die Evangelischen in Steele dann ihre erste eigene Kirche bauen.

 

50 Jahre später sah es wiederum gar nicht gut aus. Das Überleben der Gemeinde schien in Frage zu stehen. Die Zahl der Gemeindemitglieder verringerte sich dramatisch auch durch Krankheiten, viele starben, dreimal so viele wie in gewöhnlichen Jahren.

Pastor Becker, ein geborener Königssteelenser, schrieb daraufhin ins Kirchenbuch:

Jesu, großer Lebensfürst,

wehre doch des Todes Wüten;

schenke Leben deinem Volk,

ja, du wollest uns behüten,

dass doch diese kleine Herde,

nicht noch immer kleiner werde!»

 

Ein Chronist der Gemeinde schreibt im Rückblick: «Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten.» Der Wahrheit des Sprichwortes sollte auch unsere Gemeinde inne werden. Durch die Glasfabrikation und den Bergbau kamen evangelische Arbeiter aus verschiedensten Gegenden des Vaterlandes. So erstarkte nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die Gemeinde so sehr, dass sie von nun an allen Stürmen trotzden konnte.

Einer dieser Stürme führte aber noch dazu, dass die Gemeinde im Jahr 1810 nur 150-200 Seelen zählte. Doch sie blieb bestehen bis heute.

Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe:

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut du bist aber reich – (…) Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

So steht es in der Offenbarung des Johannes.

In Smyrna, in der Provinz Kleinasien, hatte es die Gemeinde schwer. Und sie hatten anders als die Steeler Protestanten kein Fürstenhaus, das ihnen aus der Ferne auf die Beine half, keinen «churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg», der ihnen hätte erlauben können, eine Kirche und eine Schule zu bauen, keine Glaubensgeschwister im Nachbarland, die Geld für sie sammeln konnten.

Stattdessen hatten sie einen Gottkaiser in Rom, der unbedingte Verehrung verlangte. Wer sich Jude nannte und das taten viele in der Gemeinde (noch) – der hatte jährlich eine Abgabe an den Kaiser zu zahlen. Früher hatte man ihnen gesagt, das Geld sei für den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem bestimmt. Jetzt wurde es umgewidmet für den Bau des Jupitertempels in Rom. Außerdem musste die Abgabe nun für alle Familienmitglieder bezahlt werden, selbst schon für Kinder ab drei Jahren. Kaiser Domitian verfügte, dass alle bisher nicht gemeldeten und heimlich nach jüdischer Weise lebenden Menschen zu denunzieren waren, ihr Eigentum beschlagnahmt und sie ins Gefängnis geworfen werden konnten.

Schreibe an den Engel der Gemeinde in Smyrna:

So spricht der Erste und der Letzte,

der tot war und wieder lebt:

Ich kenne dein Leid und deine Armut.

Aber eigentlich bist du reich! –

(…) Hab keine Angst vor dem Leiden, das dir noch bevorsteht.

(…) Bleib treu, auch wenn es dich das Leben kostet.

Dann werde ich dir als Siegeskranz das ewige Leben geben.

 

Treu bis in den Tod. Wir ahnen, dass es für die Gläubigen in Smyrna eine echte Frage war. Bleibe ich treu, stehe ich auch öffentlich zu meinem Glauben oder schütze ich lieber mich und meine Familie? Wir ahnen, dass es eine echte Frage war und haben doch keine Ahnung, was das für einen Menschen bedeutet. In der Regel sind wir ahnungslos, wie sich das anfühlen mag. Man kann sich auch nicht hineindenken oder einfühlen in solche Extremsituationen. Ich will deshalb auch gar nicht versuchen, ihnen das auszumalen und irgendwie näher zu bringen.

Hab keine Angst vor dem Leiden, das dir bevorsteht. Der tot war und wieder lebt, sagt: Bleib treu, auch wenn es dich das Leben kostet. Dann werde ich dir als Siegeskranz das ewige Leben geben. Er sagt auch: Bleib treu, auch wenn dein Leben jetzt nicht akut in Gefahr ist und du irgendwann eines natürlichen Todes sterben wirst. Bleib treu. Dann werde ich dir als Siegeskranz das ewige Leben geben.

Pastor Becker bat darum, dass doch diese kleine Herde nicht noch immer kleiner werde! Er verlor so viele Menschen, die er kannte, in denen er nicht nur Gemeindemitglieder sah. Er kam ja von hier. Mein früher Vorgänger sorgte sich bestimmt um die Einzelnen, um ihr Schicksal, ihre Familien und vielleicht war seine eigene Familie ja auch von den Epidemien betroffen. Er sorgt sich aber auch um den Fortbestand seiner Gemeinde.

Damals in Smyrna ist von Treue die Rede, auch wenn diese Treue dem Einzelnen und vielleicht auch der Gemeinde als Ganzer das Leben kostet. Wir sind in einer völlig anderen Situation. Aber ich glaube, das gilt auch für uns. Treue, ist wichtiger, als dass die Gemeinde überlebt. Treu zu bleiben, ist wichtiger, als dass meine Kirche stehen bleibt, mein Gemeindezentrum, mein Pfarrhaus.

Treu zu bleiben, ist viel wichtiger, als dass die Gruppen, die Veranstaltungen, ja auch die Gottesdienste, so wie ich sie immer mochte, erhalten bleiben. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Welche Treue könnte wichtiger sein als mein Leben oder das Überleben meiner Gemeinde? Treue zu dem, der tot war und wieder lebt. Treue zu seinem Auftrag an mich. Wir haben Anteil daran, das Evangelium weiter zu tragen wie die in Smyrna und die Steeler, die damals in diesem Wirtshaus in Rellinghausen saßen, um zu hören wie einer die Bibel auslegt, predigt, um die kleine Herde zu stärken. Sie haben im Grunde dasselbe getan, was wir tun, nur eben ohne Mikro, ohne Kirche, ohne Gemeindepfarrer. Sie waren nicht die ersten, aber sie haben etwas weiter gegeben.

Sie waren treu. Vor ihnen waren schon andere da und natürlich auch bereits vor der Reformationszeit. Vor 500 Jahren sammelten sich nur besonders viele, die die Kirche verändern wollten, um treu zu bleiben. Seit mehr als 300 Jahren gibt es unsere Ev. Gemeinde hier. Und mir gefällt der Gedanke, dass die kleinen Anfänge in einem Wirtshaus stattgefunden haben.

So sehr ich diese Kirche mag und so gerne ich mir was überlege, das hier stattfinden kann. Vielleicht überlegen wir doch noch zu oft, wie unsere Gemeinde überleben kann. Wie wir Leute hier rein kriegen, in unsere Gruppen, Veranstaltungen und Gottesdienste, statt zu überlegen, wo die Menschen sind, für die es gar keine Gemeinde gibt. So wie es dieser Pastor aus Gelsenkirchen vor mehr als 300 Jahren gemacht hat. Wo ist dieses Wirtshaus heute?

Und dem Engel der Gemeinde in Steele schreibe:

So spricht der Erste und der Letzte,

der tot war und wieder lebt:

Ich kenne dein Leid und deine Armut.

Aber eigentlich bist du reich! –

(…) Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Amen.