Gepriesen sei der Gott allen Trostes!

Eine Predigt mit 2. Korinther 1,3-7

Heute geht es ums Ganze.
Weniger wegen des Presbyteriums,
da geht es ja nur um vier Jahre.
Mehr wegen der Passionszeit,
in der geht es Jahr für Jahr um alles.
Das Ganze. Tod oder Leben.
Sterben, um zu leben.

Jesus sagt: Wenn das Weizenkorn
nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein;
wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Der Apostel Paulus ist einer,
der von seinem hohen Ross gestoßen wird
und zur Erde fällt – wie ein Samenkorn.
Sein altes Leben bricht auf
und es entsteht Neues daraus,
fruchtbare Neuanfänge,
Früchte, von denen wir bis heute zehren.
Sein Leben ist von Wendungen,
von Wandlungen und Krisen gezeichnet.
Wir wissen nicht genau, worauf er anspielt
in seinem zweiten Brief an die Korinther,
aber es muss eine Krise gewesen sein,
die ihn nachhaltig geprägt hat.

„Auf meiner Reise durch die Provinz Asia
hielt ich das Todesurteil schon in Händen,
verzweifelte, es ging über meine Kräfte.
Doch Gott, der die Toten auferweckt, hat mich errettet.“
Paulus überlebt und schreibt danach diese Zeilen (Zürcher Bibel):

3 Gepriesen sei der Gott und Vater
unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater des Erbarmens
und der Gott allen Trostes.
Er tröstet uns in all unserer Bedrängnis,
so dass auch wir andere in all ihrer Bedrängnis
zu trösten vermögen mit dem Trost,
mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.
5 Denn wie wir überschüttet werden
mit dem Leiden Christi,
so werden wir durch Christus
auch überschüttet mit Trost.
6 Werden wir aber bedrängt,
so geschieht es zu eurem Trost und eurer Rettung;
werden wir getröstet,
so geschieht auch das zu eurem Trost,
der wirksam wird,
wenn ihr geduldig dieselben Leiden ertragt,
die auch wir ertragen.
7 Und unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich,
weil wir wissen, dass ihr in gleicher Weise
wie an den Leiden
so auch am Trost teilhabt.

Der Gott, der die Toten auferweckt,
ist der Gott allen Trostes.
Es wächst ein starker Trost aus der Erfahrung,
dem Tod noch einmal
von der Schippe gesprungen zu sein
und dabei zu wissen,
wem man diesen Sprung verdankt.
„Trost“ das ist in der Sprache der Bibel
eine effektive Hilfeleistung.
Das macht was.
Da passiert was.

Ich habe oft den Eindruck, dass in unserer Sprache
„Trost“ einen schalen Geschmack hat.
Das Wort prickelt nicht gerade auf der Zunge.
Vielleicht sind wir zu oft „vertröstet“ worden
mit schönen Worten, denen keine Taten folgten.
„Na, das ist ja ein schöner Trost!“
Also gerade keine effektive Hilfeleistung.
Vielleicht haben wir zu viele „Trostpreise“ verteilt.
Du hast zwar nicht gewonnen,
sollst aber auch nicht ganz leer ausgehen.
„Na, vielen Dank auch.“
Und sicher haben im Laufe der Jahrhunderte
auch schon zu viele religiöse Reden
vertröstet auf ein Jenseits
statt hier und jetzt zu helfen, eben wirklich zu trösten.
Und es kann auch sein, dass mancher
mit vielen Worten versucht hat, etwas zuzudecken
statt einfach mal den Mund zu halten.
Auszuhalten. Zu schweigen.
Die Tränen zuzulassen,
was tröstlicher sein kann als
zehntausend gut gemeinte Worte.

Dem Trost im biblischen Sinn
sind wir dieses Jahr besonders dicht auf der Spur.
Gott spricht: Ich will euch trösten
wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66,13)

Das ist unsere ökumenische Jahreslosung.
Eine Predigt dazu gab es schon vor zwei Monaten.
Heute also der Gott allen Trostes bei Paulus.
Er tröstet uns in all unserer Bedrängnis,
so dass auch wir andere in all ihrer Bedrängnis
zu trösten vermögen mit dem Trost,
mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.

Ein Satz, bei dem einem vom Zuhören
schwindelig werden kann.
Denn es geht irgendwie hin und her
und im Kreis herum.
Von Gott zu uns.
Zu anderen.
Der Trost, der von Gott kam.
Wer empfangen hat, kann geben.
Wer getröstet wurde, kann trösten.
Wer getrost ist, kann Trost spenden.
Es liegt doch in der Natur der Sache,
dass nur ein Empfangender auch geben kann.

An der Herkunft des Wortes „Trost“
lässt sich das anschaulich nachvollziehen.
„Trost“ kommt von „treu“.
Die Getreuen stehen zu ihrem Wort.
Wer treu ist, auf den kann ich mich verlassen.
„Trost“ ist in unserer Sprache
zu einer Umschreibung geworden für „innere Festigkeit“.
Wer nicht mehr ganz bei Trost ist, hat den Halt verloren.
Dreht frei. Dreht durch.
Wer getrost ist, ist innerlich gefestigt.
Wer fest ist, kann anderen Halt geben.

Getrost in die Zukunft blickt ein Mensch,
der sich gehalten weiß.
Wer aus seiner Lebenserfahrung sagen kann:
„Auch die nächste Krise werde ich noch überstehen,“
so wie Paulus, der in Lebensgefahr schwebte
und Rettung erlebte.
Was soll ihn jetzt noch erschüttern?
Er deutet seine Bedrängnis
als Teilhabe an den Leiden Christi.
Das Lebensbedrohliche zu überleben,
ist für ihn Teilhabe an Christi Trost.
5 Denn wie wir überschüttet werden
mit dem Leiden Christi,
so werden wir durch Christus
auch überschüttet mit Trost.

Wer seine Geschichte hört,
empfindet denselben Trost.
Wer in ähnliche Bedrängnis gerät,
denkt an Paulus, hofft mit ihm
und erlebt dieselbe tröstende Hilfe (hoffentlich).
6 Werden wir aber bedrängt,
so geschieht es zu eurem Trost und eurer Rettung;
werden wir getröstet,
so geschieht auch das zu eurem Trost,
der wirksam wird,
wenn ihr geduldig dieselben Leiden ertragt,
die auch wir ertragen.

Also der Trost wird wirksam,
die innere Festigkeit wirkt sich positiv aus,
wenn man selbst in Bedrängnis gerät.
Klingt doch logisch, oder?
Paulus denkt gar nicht so kompliziert,
wenn seine Sprache uns
auch manchmal schwer verständlich erscheint.

Meine Lieblingssätze bei ihm sind die mit der Hoffnung.
7 Und unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich,
weil wir wissen, dass ihr in gleicher Weise
wie an den Leiden so auch am Trost teilhabt.

Unerschütterliche Hoffnung findet man bei Menschen,
die wissen wie erschütternd das Leben sein kann.
Die Erschütterungen am eigenen Leib gespürt haben.
Die dem Tod ins Gesicht gesehen haben.
Ihm von der Schippe gesprungen sind
mit Hilfe dessen, der die Toten auferweckt.
Es gibt natürlich auch Positivdenker,
die so tun als ob sie gar nichts erschüttern könnte.
Aber, ich glaube, bei denen ist es
meist nur eine Frage der Zeit.
Positiv denken alleine trägt nicht.
Man muss auch die negativen
Seiten des Lebens gesehen haben.
Vor zehn Tagen stand hier vorne in unserer Kirche
Safwat Raslan, ein 35jähriger Mann aus Aleppo/Syrien.
Er hat uns Fotos von seiner Stadt gezeigt,
von „seinem Syrien“ und aus seinem Leben erzählt.
Er lebt jetzt im Hörsterfeld und ist auf einem guten Weg
für sich und seine Familie mit den beiden Töchtern
eine neue Existenz aufzubauen.
Er hilft – so gut er kann – anderen,
die aus Syrien hier her gekommen sind.
Seinen ganzen Bildervortrag
hat er auf Deutsch kommentiert.
Seit acht Monaten lernt er die Sprache.
Einer seiner Sätze, die mir hängen geblieben sind,
war: „Wir haben alles verloren,
aber unsere Träume haben wir immer noch.“

Unerschütterliche Hoffnung.
Man kann sich wohl nie ganz sicher sein,
ob die eigene Hoffnung unerschütterlich ist.
Es zeigt sich ja immer erst dann,
wenn die Erde wieder bebt,
ob das Haus auch diesem Beben standhält.
Unser persönlicher Glaube, unser Vertrauen in Gott,
unsere Hoffnung lebt von persönlichen Erfahrungen.
Wenn wir erschüttert werden,
erinnern wir uns an Vergangenes.
Damals ist es noch gut gegangen.
Ich habe so eine schwere Situation
schon einmal überstanden.
Es wird auch noch einmal gehen.
Der damals seine Hand über mich gehalten hat,
wird es wieder tun.

Ich habe als Kind eine Grenzerfahrung gemacht,
die mich tief geprägt hat.
Ich habe die Geschichte auch immer wieder erzählt.
Das letzte Mal muss allerdings Jahre her sein.
Aber je länger ich darüber nachdenke,
umso mehr Details werden mir wieder bewusst.
Der Gipfel des Penser Weißhorns (Corno Bianco)
in Südtirol liegt auf 2705m.
Man kann an einem Drahtseil entlang nach oben steigen.
Die letzten Meter sind relativ steil, aber gut machbar,
wenn man nicht vom markierten Normalweg abkommt …
Das ist mir aber leider passiert.
Plötzlich war niemand mehr aus meiner Gruppe zu sehen.
Ich war kurz vor dem Gipfel vom Weg abgekommen
und sah nun, dass es auf dieser Seite
mehrere hundert Meter steil nach unten ging.
„Ein falscher Schritt und das war’s.“
Ich bin alleine weiter geklettert,
höchste Konzentration auf jede kleinste Bewegung,
den Kopf voller Gedanken an das Ziel.
Oben ankommen, überleben.
Ich habe mir vorgestellt, dass oben eine grüne Wiese wäre,
auf der ich mich ausruhen könnte.
Wir waren natürlich oberhalb der Vegetationsgrenze.
Ich war heilfroh, als ich den Gipfel erreichte.
Dass da kein Grashalm war, damit konnte ich leben.
Ich setzte mich also auf die Felsen. Erschüttert.
Die anderen wollten Fotos am Gipfelkreuz machen,
aber ich konnte nicht lächeln.
Im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau
wie ich an dem Tag wieder nach unten gekommen bin.
Aber ich weiß noch, dass ich ganz dicht
bei den anderen geblieben bin.
Ich hatte echte Todesangst und glaube tatsächlich,
es hätte an diesem Tag
mit einem falschen Schritt alles vorbei sein können.
Für mich ein Geschenk Gottes,
dass ich wieder heil vom Berg ins Tal gekommen bin.
Ich weiß, man kann solche Erfahrungen auch anders deuten.
Aber für mich war es der Gott, der die Toten auferweckt,
der mich damals gehalten hat.
Ich kann wahrlich nicht behaupten,
dass ich in meinem Leben bisher
mit Leiden überschüttet worden bin.
Von daher bin ich wohl auch entsprechend
weniger als Paulus mit Trost überschüttet worden.
Aber an diesem Tag in den Südtiroler Alpen
und noch an ein paar anderen Tagen in meinem Leben
ist mir sein Trost zuteil geworden.
So dass ich mit Paulus sagen kann:
3 Gepriesen sei der Gott und Vater
unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater des Erbarmens
und der Gott allen Trostes.

Amen.

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