Ein König nicht von dieser Welt

Eine Predigt zu Karfreitag

 

Ich sehe Stacheldraht

und denke Dornenkrone.

O Haupt voll Blut und Wunden

o Haupt zum Spott gebunden.

 

Stacheldraht erinnert mich an ihn,

der seinen Kopf für mich hingehalten hat.

Wenn ich die Stacheln auf einem Zaun sehe,

erinnern sie mich mitten in meinem Alltag an seinen Todestag.

An welchem Tag genau er starb, das weiß ich nicht.

Die Verantwortlichen damals wollten auch,

dass man den Exekutierten bald vergisst.

Einen Feiertag für ihn hätte es nach ihrem Willen niemals geben dürfen.

Aber es kam anders.

Gott hat ihn nicht vergessen, so feiern wir die Auferstehung

und gedenken seines Sterbens bis zum heutigen Tag.

 

Karfreitag.

Seinen Kopf hält er für uns hin.

Ein gekröntes Haupt unter Schmerzen gekrümmt.

Sie schlagen ihm ins Gesicht, spielen mit ihm ein tödliches Spiel.

So unmenschlich können nur Menschen sein.

Sie verhöhnen ihn mit einem Ehrentitel,

der später für sein Urteil herhalten muss.

Ave, rex Judaeorum!

Sei gegrüßt, König der Juden.

Es steht auch über seinem Kopf am Kreuz:

Jesus von Nazareth, der Juden König.

Er selbst hat sich gar nicht so genannt.

Sie haben es ihm in den Mund gelegt.

Er sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Ein König ja, aber nicht von hier.

Hier gibt er sich hin.

Hier begibt sich Jesus Christus in die Hände von Menschen.

Und sie drücken ihm eine Krone aufs Haupt

O Haupt voll Blut und Wunden,

voll Schmerz und voller Hohn,

 

Dorn für Dorn

Stacheln in seinem Kopf

Ich sitze bei meiner Friseurin

und wir reden über den Karfreitag.

Im Spiegel sehe ich das Kreuz hinter mir auf dem Regal.

Der Gekreuzigte schaut von dort oben auf unser Gespräch.

Und sie sagt: Es passiert doch genug in der Welt jeden Tag.

Es passiert so viel, das sticht.

Dorn für Dorn

Stacheln in seinem Kopf

Es sind so viele „Könige“,

die um die Kronen dieser Welt kämpfen.

Mit Giftgas und Raketen.

Mit Bomben und Hackerangriffen.

So viele wollen Recht haben

und begehen dabei Unrecht.

Meinen die Wahrheit zu verteidigen

und verbreiten so viele Lügen.

Teilen die Menschheit in pro und contra – gläubig oder ungläubig.

Karfreitag ist ein stiller Feiertag

und doch schreit das Unrecht heute zum Himmel.

 

Jesus wird zum König erklärt. Der Statthalter des Kaisers

will sich eigentlich nicht die Finger schmutzig machen.

Aber um den inneren Frieden

unter der Herrschaft des Kaisers zu wahren, ist ihm jedes Mittel recht.

So begeht Pilatus einen Justizmord und hofft,

dass bald schon kein Hahn mehr danach krähen wird.

Hinrichtungen sind in seinem Land ohnehin an der Tagesordnung,

manchmal säumt eine schier endlose Reihe von Kreuzen den Horizont.

Mit Jesus werden auf Golgatha an diesem Tag

nur zwei weitere Männer gekreuzigt.

Pilatus unternimmt also gerade mal das Allernötigste,

um die Lage in Jerusalem

vor dem beginnenden Passahfest zu beruhigen.

Drei Kreuzigungen.

Keine Hinrichtung wäre ihm vielleicht lieber gewesen,

aber er will auch keinen Aufstand riskieren,

so scheint es ihm wohl das geringere Übel.

Schrecklich, aber normal: mit Angst zu regieren.

Auch heute.

Und wo es keine staatlichen Angstmacher gibt,

versuchen andere ihre Ziele mit Terror zu erreichen:

Brüssel, Paris, Berlin, London, Stockholm.

 

Jesus setzt sich mit denen auseinander,

die Angst und Schrecken verbreiten.

Er kämpft um Recht und Wahrheit.

Er redet, wenn er was zu sagen hat

und in seinen letzten Stunden schweigt er immer öfter.

Er erträgt das Unrecht, die pure Bosheit.

Die Angst ist da, aber er lässt sich nicht von ihr bestimmen.

Er droht nicht, Rache zu nehmen.

Will nicht, dass jemand für ihn zum Schwert greift.

Nicht ein Hasskommentar von ihm generalisierend gegen die anderen,

gegen die Jerusalemer Priester oder gegen die Römer.

Er erduldet es.

Die Anschläge auf zwei Kirchen in Ägypten

haben uns am Palmsonntag wieder daran erinnert,

wie viele wegen ihres Glaubens in ständiger Bedrohung leben.

Obwohl das in Ägypten schon lange der Fall ist,

habe ich auch dort Menschen getroffen,

die nicht hetzen, nicht hassen, nicht generalisieren.

Während einer Studienreise habe ich Bischof Thomas getroffen,

der mich damals sehr beeindruckt hat.

In einem aktuellen Interview sagt er:

Die Angst dringt in westliche Gesellschaften ein.

Das ist das Ziel des Terrorismus.

Aber die Botschaft der Angst müssen wir aufhalten.

Das könnte eine starke Antwort der Kirchen sein.

Wenn Angst eine Gesellschaft bestimmt,

dann können Generalisierungen leicht Überhand gewinnen.

Wenn es einige Muslime gibt, die Christen töten,

dann hat man schnell den Eindruck, alle Muslime seien böse.

Aber das ist ungerecht.

Die Antwort auf ein Martyrium kann nicht Unrecht sein.

Selbstverständlich ist auch sein Ziel, das Unrecht zu beenden.

Und die koptische Kirche ist auf allen Ebenen aktiv

und braucht alle Unterstützung, die sie kriegen kann,

um die Mörder zu stoppen.

Aber Bischof Thomas sagt auch:

Wenn eine solche Tragödie geschieht,

dann sagen wir den Leuten immer,

dass sie keine Angst haben sollen vor denen, die morden.

Ja, sie können den Körper nehmen,

aber was können sie sonst schon tun?

Sie können den ewigen Glanz nicht stehlen.

Wenn man keine Angst hat, ist man in der Lage zu lieben,

zu vergeben und Stärke zu zeigen.

 

Ich glaube, Jesus kennt die Angst,

aber er hat keine Angst vor denen, die ihn ermorden.

Nicht vor Kaiphas, dem Hohenpriester,

nicht vor Pontius Pilatus, dem Statthalter des Kaisers,

und auch nicht vor seinen Soldaten,

die ihm die Dornenkrone auf den Kopf setzen.

So ist er in der Lage zu lieben,

zu vergeben

und Stärke zu zeigen.

Ein König – nicht von dieser Welt – trägt ohne Angst die Krone,

seine Dornenkrone und sie wird blühen.

Denn es ist vollbracht.

Amen.

 

Interview mit Bischof Thomas

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