Befreiend.

Eine Predigt an Karfreitag mit Hebräer 9,15.26b-28

Er ist gestorben.

Sie ist gestorben.

Wenn wir das sagen,

überlegen wir, wie sage ich es.

Denn Sterben berührt uns.

Wir sagen nicht einfach: so war das.

Ist halt passiert.

Oft meiden wir das Thema auch.

Aber wenn wir über’s Sterben sprechen, dann mit einer Haltung

mit einer Klage, mit unseren Fragen,

mit Trauer, Mitgefühl oder Sinn suchend.

Wir fragen: was soll das?

Warum ist das passiert?

Warum so und warum gerade jetzt?

Sie war so jung.

Er war doch immer so ein Lieber.

Und wir suchen für uns einen Weg, sagen zu können:

vielleicht ist es auch gut so, es war auch erlösend.

Jesus selbst ist auf seinem Weg schon davon bewegt,

im Leiden und Sterben einen Sinn zu suchen.

Was ihm widerfährt, ist kein Zufall.

Und ich glaube, er muss sich selbst vorab gefragt haben,

entspricht es meiner Berufung, hilft es, nützt es irgendwem,

wenn ich mich selbst aufopfere?

Er muss viel darüber nachgedacht haben.

Es wird ihm nicht von Anfang an

und nicht in einem einzigen Moment klar gewesen sein.

Schritt für Schritt, im Hören auf die Heiligen Schrift,

im Gespräch mit anderen, auch mit seinen Jüngern,

die es kaum nachvollziehen können,

im Zwiegespräch mit Gott, im Gebet ringt er sich dazu durch.

Dann geht er seinen Weg weiter

in der Hoffnung, dass er nicht bloß irgendwem,

sondern vielen eine Hilfe ist,

dass es einen guten Sinn hat,

dass es erlösend wirkt..

 

Und so schwer es auch in Worte zu fassen ist,

einige sehen den Sinn und spüren die Freiheit im Nachhinein.

Und sie reden darüber und schreiben es auf

wie Matthäus, Markus, Lukas und Johannes,

oder wie der Autor des Hebräerbriefs.

Der hat dabei die Geschichte Gottes mit Israel vor Augen,

die Versprechen für ein kleines Volk, das viel zu leiden hat,

seine Verheißung, es zum Licht der Welt zu machen,

den Bund, den er mit ihnen geschlossen hat.

Der Autor dieses Textes folgt dem Beispiel, das Jesus selbst gegeben hat

und deutet sein Sterben im Rahmen dieser Geschichte.

Darum ist er Mittler eines neuen Bundes:

Sein Tod sollte geschehen zur Befreiung

von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes,

damit die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfangen.

Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen,

um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.

Und wie es den Menschen bestimmt ist,

ein einziges Mal zu sterben, und dann kommt das Gericht,

so ist auch Christus ein einziges Mal geopfert worden,

um die Sünden vieler auf sich zu nehmen.

Ein zweites Mal erscheint er nicht der Sünde wegen,

sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

 

Für mich scheint heute kein Weg daran vorbei zu gehen,

auch über das zu sprechen, was die Bibel Sünde nennt.

Wir umgehen das oft lieber,

nein, ich muss zugeben, dass ich es oft lieber umgehe.

Ich muss bei mir bleiben.

Der Umgang mit dem Wort fällt mir schwer.

Ich fürchte, dass viele dabei zusammenzucken.

Ich fürchte, dass sie weghören,

wenn ich als Prediger von Sünde spreche.

Ich will nicht das Klischee einer religiösen Institution erfüllen,

die Menschen einredet, sie seien schlecht,

um ihnen im nächsten Moment exklusiv die Erlösung anbieten zu können.

Und ich fürchte wohl auch, dass ich es nicht schaffe,

in ein paar Minuten unmissverständlich zu erklären,

warum die Bibel von Sünde spricht,

was sie damit meint (und was ganz sicher nicht)

und wieso überhaupt jemals jemand Befreiung davon brauchte.

Ich meide das Thema, weil ich fürchte, dass ich daran scheitern werde.

Das muss ich mir eingestehen.

Es ist wohl Zeit für dieses Bekenntnis heute.

 

Aus diesen Gründen habe ich in den letzten Jahren

wohl auch immer seltener ein Sündenbekenntnis im Gottesdienst formuliert.

Ich weiß gar nicht, ob es jemandem hier fehlt.

Das würde mich wirklich mal interessieren.

Ich bin zwar weiterhin ganz offen

in vertraulichen Gesprächen damit umgegangen,

aber öffentlich im Gebet oder in der Vorbereitung auf das Abendmahl

habe ich so ein Bekenntnis meistens ausgespart.

Ich habe es mir erspart.

Und ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich es nicht mehr vermisst habe.

Wie gesagt, wenn es ihnen anders geht, bitte lassen sie es mich wissen

heute oder einfach bei der nächsten Gelegenheit, die passend scheint.

 

Mir ist in dieser Woche nun wieder klar geworden,

dass uns ohne das Reden von der Sünde

auch die Möglichkeit abhanden kommt,

im Tiefsten ehrlich mit uns selbst zu sein.

Vor uns selbst, vor anderen und vor Gott eine Ehrlichkeit zu wagen,

die an sich schon befreiend wirken kann.

Ein Sündenbekenntnis abzulegen und damit zu sagen:

ich mache Fehler, ich bin nicht mal nahe dran, perfekt zu sein.

Ich bin immer noch nicht der gute Mensch,

der ich schon lange gerne wäre.

Und selbst wenn ich alle Fehler meide,

bin ich in Situationen verstrickt,

in denen ich höchstens noch das geringste Übel wählen kann.

Auch ich bin einer von Milliarden, die unserem Planeten Schaden zufügen.

Ich geb mir oft Mühe

und manchmal mache ich meinen Mitmenschen größte Mühe.

Es ist nicht immer schön mit mir zusammen zu sein,

mit mir zu arbeiten, mit mir zu leben.

Meine Familie weiß das.

Wie gut, dass ich als Pfarrer kein Großraumbüro mit vielen Kollegen teilen muss,

sonst würden es noch viel mehr Leute merken.

Ich bin nicht immer liebenswürdig.

Ich bin kein Licht der Welt, wenn ich mein Leben ganz ehrlich anschaue.

Ich kenne meine dunklen Momente.

Meine Schwäche. Meine Unvollkommenheit.

Was mich unterscheidet von dem gütigen Weisen, der ich gerne wäre.

Ich weiß, was mich unperfekt macht und manchmal richtig böse.

Aber ich kann ihm nicht entkommen.

 

Der Hebräerbrief sagt: sein Tod sollte geschehen zur Befreiung.

Er hat die Sünden vieler auf sich genommen – auch meine.

Sein Leben, sein Sterben am Kreuz zeigen,

dass Gott alles aufhebt, mein Böses mit seinem Gutem.

Der vor den Toren der Stadt ans Kreuz gehängt wird,

sollte der Lächerlichkeit preis gegeben werden.

Aber stattdessen ist das Kreuz zu einem Siegeszeichen geworden.

Es hat etwa 300 Jahre gedauert,

aber nachdem niemand mehr auf diese Art hingerichtet wurde,

haben Christen es vorsichtig gewagt,

ein Kreuz als Siegeszeichen zu sehen und zu zeigen.

Es macht befreiende Ehrlichkeit möglich.

Ein Sündenbekenntnis zu sprechen, tut gut,

auch wenn man zuerst vielleicht zusammen zuckt.

Im richtigen Moment auf die richtige Weise.

Man muss dabei auch nicht unbedingt «Sünde» sagen.

Es kommt nicht auf das Wort an.

Aber es tut einfach gut, auszusprechen, was schief gelaufen ist.

Wo man festhängt und nicht weiterkommt.

Schonungslos ehrlich zu sein, ist gut, wenn dann einer sagt:

Vater, vergib ihnen … ich weiß wie du bist und was du getan hast

und ich lasse nicht zu, dass es zwischen uns steht.

Lass es los. Ich kann das tragen und du bist frei.

Dafür ist Christus gestorben.

Amen.

 

 

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