Alles geben

Eine Predigt zu Markus 12,41-44

Sie murmelt die Worte des Psalms (25) noch vor sich hin,

als sie den Vorhof des Tempels verlässt.

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.

Sie kommt an den Spendenboxen vorbei,

Schatztruhen mit Trichtern wie Trompeten zum Geld einwerfen.

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.

Sie greift in ihre Tasche und wirft ihr ganzes Geld hinein.

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.

Enttäuscht wird niemand, der auf dich hofft.

Markus erzählt:

Jesus saß dem Gotteskasten gegenüber und sah zu,

wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten.

Und viele Reiche legten viel ein.

Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein;

das macht zusammen einen Pfennig.

Und Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen:

Wahrlich ich sage euch:

Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt

als alle, die etwas eingelegt haben.

Denn sie haben von ihrem Überfluss gegeben;

diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe gegeben,

alles, was sie zum Leben hatte.

Jesus schaut auf’s Geld.

Er sieht viele, die viel geben.

Und er sieht eine Geldgeberin, die alles gibt.

Die einen geben, so viel sie wollen.

Und diese eine gibt alles, was sie kann.

Es erscheint Jesus so bemerkenswert,

dass er seine Jünger zu sich ruft:

Hey, sie hat von ihrer Armut ihre ganze Habe gegeben,

alles, was sie zum Leben hatte.

Wenn es in dieser Geschichte nun um nichts weiter ginge,

als um Menschen und darum wie viel Geld wir geben,

dann könnte ich jetzt statt einer Predigt einen Spendenaufruf starten.

Ich könnte aufzählen, an welchen Stellen unsere Gemeinde noch Geld braucht.

Wenn sie alles loswerden wollten, was sie jetzt noch im Geldbeutel haben,

dann gäbe es dazu am Ende des Gottesdienstes eine Reihe von Möglichkeiten.

– Playmobil-LKW für unsere Partner in Rumänien und Ungarn

– Sammlung am Ausgang für das evangelische Gustav-Adolf-Werk

– in die kleine Friedenskirche aus Holz könnten sie Geld für die Instandhaltung und Sanierung unserer Kirche legen

Und wenn sie dann in den nächsten Tagen

noch alles an die Gemeinde überweisen wollten,

was auf ihren Konten, in Fonds und Lebensversicherungen angespart haben

– sie können uns übrigens auch gerne ihre Immobilien schenken –

dann wäre die Gemeinde endlich in der Lage die Friedenskirche

in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Sie erhalten selbstverständlich eine Spendenquittung für’s Finanzamt.

Aber Jesus zeigt seinen Jüngern nicht

welche großen Summen im Tempel zusammenkommen.

Zwei kleine Kupfermünzen sollen sie sehen,

zusammen so viel wert wie die kleinste römische Münze,

wie ein Pfennig, ein Cent.

Es geht ihm auch an diesem Tag nicht ums Geld, nicht um materielle Werte.

Der Jerusalemer Tempel ist prachtvoll.

Gerade frisch saniert und erweitert durch König Herodes.

Als Jesus und seine Jünger später den Tempel verlassen,

staunt einer von ihnen über die kostbaren Baumaterialien

und beeindruckenden Gebäude: Meister, was für Steine, was für Bauten!

Und Jesus sagt zu ihm: Schau dir diese beeindruckenden Bauten genau an.

Nicht ein Stein wird hier auf dem anderen bleiben.

Der Tempel ist ein Orte, an dem nicht zu übersehen ist,

was man mit Geld alles schaffen kann.

Jesus sieht das auch und zugleich sieht er, dass es nicht von Dauer ist.

Er bleibt nicht staunend vor den schmucken Mauern stehen,

sondern beobachtet lieber die Menschen.

Er sieht Menschen, die etwas geben

und eine die alles gibt.

Aber dabei geht es nicht ums Geld.

Wenn es darum ginge, müsste er selbst doch als nächster seine Taschen leeren.

Macht er aber nicht.

Und er sagt seinen Jüngern auch nicht: macht es wie sie!

Er sagt nur: sie hat alles gegeben, was sie zum Leben hatte.

In dieser Frau erkennt er sich selbst wieder,

in ihrer Art alles zu geben.

Sie hat gebetet, hat Gottesdienst gefeiert,

hat Gott vielleicht auch ihr Leid geklagt,

ihr Verlassensein, ihre Trauer, ihre Armut.

Sie hat ihm alles anvertraut.

Wirft sich ihm in die Arme, als sie die zwei Münzen in den Gotteskasten legt.

Darum geht es wirklich.

Menschen, Spenden – das ist oberflächlich.

Die Szene sagt in ihrer Tiefe etwas über Jesus selbst.

Er beobachtet wie die Witwe den Tempel verlässt

und sieht dabei seinen eigenen Weg vor sich.

Er deutet an: so wie sie bin auch ich,

bereit, alles zu geben.

Wenige Tage später sitzt er mit seinen Jüngern zusammen.

Sie teilen Brot und Wein und er sagt:

Nehmt, das ist mein Leib.

Und das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.


Sie nehmen und essen und haben noch längst nicht verstanden.

Doch das Blutvergießen beginnt in dieser Nacht.

Am nächsten Tag schon verliert er sein Leben.

Seine Liebe zu den Menschen kostet ihn alles.

Er gibt sich selbst. Verschenkt sich.

Konnte er wissen, ob es sich lohnt?

Wohl kaum.

Aber er hofft, er glaubt.

Er vertraut sich im Leben und im Sterben Gott an.

Trägt die Worte des Psalms in seinem Herzen:

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.

Enttäuscht wird niemand, der auf dich hofft.

Er sieht auf Gott und sieht mit Gottes Augen uns.

Uns Menschen, die wir über großartige Bauwerke staunen

und Schutz in unseren Häusern suchen,

die wir Geld anlegen, uns versichern und uns fragen,

wird es wohl reichen?

Die wir von unserem Überfluss mit anderen teilen,

viel geben,

im Kleinen große Opfer bringen

und ab und an sogar denken,

für dich würde ich alles geben.

Er sieht uns an

und denkt: für dich gebe ich alles.

Amen.

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